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Weißstorch 2009 in Rheinland-Pfalz - Bestandsentwicklung

 Autoren: Karin Hechler und Pirmin Hilsendegen, Aktion PfalzStorch

www.pfalzstorch.deIm vergangenen Jahr ist der Storchenbestand in Rheinland-Pfalz wieder kräftig gewachsen: um 32 Prozent, von 62 frei fliegenden Horstpaaren im Vorjahr auf nunmehr 82. Insgesamt wurden 161 Jungstörche flügge (vgl. Abb. 1 und Tab. 1). Was bedeuten diese Zahlen im Vergleich mit den „guten Storchenjahren" in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts? Leider ist es nicht möglich, für das ganze Bundesland die heutigen mit den früheren Bestandszahlen zu vergleichen, da sich die einschlägigen Veröffentlichungen nur auf den Bereich der Pfalz beziehen (GROH & SISCHKA 1970 und GROH et al. 1978). Betrachtet man nur die Pfalz, stehen 69 Horstpaare im Jahr 2009 dem Nachkriegszeit-Rekordwertvon 71 Paaren im Jahr 1948 gegenüber. Nach dem Krieg hatte sich der Storchenbestand bis kurz vor dem Aussterben relativ stabil halten können, allerdings auf einem Niveau, das nur wenig mehr als ein Viertel der von BERTRAM (1905) im Jahr 1904 ermittelten Werte betrug (180-200 Paare, einschließlich Saarpfalz, s. GROH & SISCHKA 1970, vgl. Abb. 2).

 

Abb. 1: Frei fliegende Storchpaare und flügge Jungvögel in Rheinland-Pfalz 1996-2009Damit ist heute sogar beinahe der Spitzenwert der erfassten Storch paare seit den 30er Jahren (1948: 41 Paare) erreicht. Dieser äußerst erfreuliche Erfolg bei der Wiederbesiedlung basiert vor allem auf der anfänglichen Auswilderung einiger Projektpaare und dem Einsatz von Lockstörchen durch die Aktion PfalzStorch seit 1997, verbunden mit vielfältigen Lebensraum - verbessernden Maßnahmen, und führte in den Folgejahren neben der Rückkehr einiger hier geschlüpfterVögel zu einer starken Zuwanderung von Störchen aus den benachbarten Regionen. Wie lange das rasante Wachstum anhält, wird die Zukunft zeigen. Irgendwann ist die Kapazitätsgrenze der Lebensräume erreicht, wenn sie nicht jetzt schon stellenweise überschritten ist. Dann ist auch infolge der erhöhten Storchendichte mit einem Rückgang der Bruterfolge zu rechnen. Der Gesamtbruterfolg (JZa) liegt mit durchschnittlich knapp 2,0 flüggen Jungvögeln pro Horstpaar tatsächlich unter dem Vorjahreswert. Ist dies bereits ein Indiz für eine Stabilisierung auf dem derzeitigen Niveau? Allerdings gilt ein Gesamtbruterfolg von 2,0 immer noch als bestandserhaltend, und jährliche Schwankungen sind durchaus normal. Auffallend ist der relativ hohe Anteil an erfolglosen Brutpaaren (HPo) von 29 Prozent gegenüber 16 Prozent im Vorjahr. Das Jahr 2009 wird aber deutschlandweit als schlechtes Storchenjahr bezeichnet, in Brandenburg geht man sogar von 40 Prozent erfolglosen Paaren aus (HENDRICH 2009).

Abb. 2: Bestandsentwicklung des Weißstorchs in der Pfalz vor dem Aussterben und nach der Wiederbesiedelung.Der Bruterfolg ist nur die eine Seite der populationsdyna mischen Medaille. Die andere ist die Mortalität der Altvögel und der flügge gewordenen Jungvögel. Hier ist die außerordentlich hohe Rückkehrerquote der vorjährigen Brutvögel landesweit positiv zu verbuchen, im Queichtal zwischen Landau und Bellheim waren es sogar 100 %. Ob dies ein Einzelfall bleibt oder ob inzwischen tatsächlich die Zugwege und Überwinterungsplätze sicherer geworden sind, wird die Erfahrung der kommenden Jahre zeigen.

Verluste
Dass während des Herbst- und Frühjahrszuges hohe Verluste, insbesondere bei Jungstörchen, auftreten, ist hinlänglich bekannt. Aber auch in der Brutheimat sind Unfallopfer zu beklagen. Auffallend häufig (4 Fälle) sind in diesem Jahr Kollisionen mit der Bahn: einJungvogel aus Winden starb dabei an der am Ort vorbeiführenden Strecke, ein Jungvogel aus Rehweiler/ KUS ebenso nicht weit von seinem Geburtsnest entfernt. Bei Godelshausen / KUS erlitt ein einjähriger Storch aus Theisbergstegen eine tödliche Bahnkollision, und die irreparablen Flügelverletzungen eines 1996 in Mannheim beringten Storches gehen ebenfalls mit größter Wahrscheinlichkeit auf einen solchen Unfall bei Wörth zurück.

Abb. 3: Beliebter Schlafplatz am Rande der Wässerwiesen in Offenbach: Der mit Pfeil a markierte Storch steht auf einem Distanzstück zwischen zwei Isolatoren, besser zu erkennen bei Pfeil b. An der gleichen Stelle starb zwei Tage zuvor ein Jungstorch aus Baden-Württemberg, DERAE016. Die runde Stange, auf der der obere Storch steht, soll eherals Abweiser dienen. Auf solchen Stangen können Störche nur bei absoluter Windstille stehen.Ein Jungvogel aus Wörth starb in seinem Herkunftsort nach Kollision mit einer Stromleitung.Opfer von Stromschlägen (Elektrokutionen) wurden 7 Störche in der Pfalz: Anfang August starb ein Jungstorch aus Walldorf in Erlenbach bei Kandel, ein unberingter Jungstorch in Edesheim sowie 5 badische bzw. südhessische Störche am Rande der Queichwiesen. Besonders bedauerlich ist dabei die Tatsache, dass 4 dieser zuletzt genannten Störche an Masten umkamen, an denen bereits Sicherungsmaßnahmen stattgefunden hatten (s. Abb. 3-5).

Was als „sicherer Mast" gilt, wird beim massenhaften Andrang auf Schlafplätze auf eine harte Bewährungsprobe gestellt. Am 3. August waren 170 Störche in den Offenbacher Niederwiesen gezählt worden, neben Einheimischen auch ein großer Anteil an Durchzüglern, wie die Ringablesungen ergaben. Erfahrungsgemäß kämpfen Störche um die vermeintlich besten Übernachtungsplätze (vgl. FANGRATH & HILSENDEGEN, 2005) und umgehen dabei die so gut gemeinten Sicherungseinrichtungen. Das zeigt, dass die Sicherung von Elektromasten nach wie vor nicht als zufriedenstellend bezeichnet werden kann. Nachrüstungen sind nur die zweitbeste Lösung. Wirksame Schutzmaßnahmen können am besten bei Abb. 4: Mast beim Gemüsegro ßmarkt Zeiskam. Hier ist als Schutzmaßnahme ein ELSIC-Sitzbrett montiert, die von Störchen gern als Schlafplatz angenommen werden. Dieses hier ist zu kurz, kürzer als die Traverse. DERA8861, Nahrungsgast aus Baden-Württemberg, fand hier den Tod. Offensichtlich hat er sich an der falschen Stelle niedergelassen oder mit Artgenossen um den Platz gestritten.Neubauten getroffen werden, weshalb das BNSchG 5 53 auch festlegt: „Zum Schutz von Vogelarten sind neu zu errichtende Masten und technische Bauteile von Mittelspannungsleitungen konstruktiv so auszuführen, dass Vögel gegen Stromschlag geschützt sind". Dass aber bei neu errichteten Masten auf bisherigen Trassen die Gültigkeit dieser Vorschrift bestritten wird und z. B. nagelneue kurze Isolatoren verbaut werden, die nicht einmal die VDEW-Norm von 1991 erfüllen (Mindestabstand von 60 cm zwischen Traverse und Stromführung), ist absolut nicht nachvollziehbar.

Bleibt zu hoffen, dass die „ Vereinbarung zur Unterstützung der Umsetzung des Vogelschutzes an besonders für Vögel gefährlichen Mittelspannungsfreileitungen in Rheinland-Pfalz", die die Energieversorger, die Staatliche Vogelschutzwarte und Umweltministerin Margit Conrad am 20. August 2009 im Storchenzentrum Bornheim unterzeichnet haben, bald Früchte trägt und rasch zu einem besseren Schutz von Weißstörchen und anderen Großvögeln führt.

Abb. 5: Schutzhauben auf Stützisolatoren waren ein großer Durchbruch bei der Sicherung von Mittelspannungsleitungen. Als entscheidendes Manko solcher nachträglicher Sicherungen gilt allgemein die geringere Haltbarkeit. DERA8785 bezahlte dies auf einem anderen Mast auf der gleichen Trasse am Rande der Queichwiesen bei Offenbach mit dem Leben.Wiederfunde außerhalb der Herkunftsregion
Der 2007 in Theisbergstegen beringte Weißstorch DERA7183 wurde im September 2009 im französischen Guermange/Moselle abgelesen. DERA9898, 2009 in Bornheim beringt, erlitt in Pont de Poitte im französischen Jura einen tödlichen Stromschlag. Ein diesjähriger Jungstorch vom Ziegeleikamin im südpfälzischen Herxheim besuchte am 28. Juli den Mannheimer Luisenpark.

Unter den weiteren von der Vogelwarte Radolfzell übermittelten Wiederfundmeldungen sollen einige außergewöhnliche hier erwähnt werden:
DERA8144, 2008 in Mechtersheim/RP beringt, wurde am 7. Januar 2009 in Odelouca an der Algarve/Portugal lebend abgelesen. DERA8225, 2008 in Mainz-Laubenheim beringt, befand sich am 15. Juni 2009 in Diemelstadt bei Kassel. DERA9827, 2009 in Jockgrim beringt, ist bei seinem Zug ins Winterquartier gleich zweimal in Norditalien an der ligurischen Küste nahe Genua identifiziert worden: am 27. August 2009 in C. Di Restrengo-Albisola Superio, einen Tag später in Sansobbia, Albisola, ca. 5 km entfernt davon. Ein Aufenthalt in dieser Region ist weder für West- noch für Ostzieher typisch. Informationen über den weiteren Verlauf seiner Reise wären besonders interessant. Dagegen bewegte sich DERA9916, ein Steinweilerer Jungvogel von 2009, auf der „klassischen" Zuglinie der Westzieher. Ungewöhnlich ist die zweimalige Ablesung: Am 28. August 2009 im französischen Savigny-en-Revermont / Saône-et-Loire und am 11. September 2009 im südspanischen Tarifa, d.h. unmittelbar an der engsten Stelle der Straße von Gibraltar. Nicht nur die Satellitentelemetrie, sondern auch die herkömmliche Beringung kann aufgrund der guten Ablesbarkeit der ELSA-Ringe interessante Erkenntnisse über das Zuggeschehen liefern, sofern es Menschen gibt, die ein Spektiv besitzen und bei entsprechender Gelegenheit Ringe ablesen und an die Vogelwarte melden. Die komplette Liste der Wiederfunde kann unter http://www.pfalzstorch.de eingesehen werden, allerdings auf Wunsch der Vogelwarte in anonymisierter Form.

TabelleDiskussion
Der Weißstorchbestand hat sich innerhalb von 13 Jahren zu einer Höhe entwickelt, die kaum einer der Wiederansiedlungs-Aktivisten für möglich gehalten hätte. Das schnelle Bestandswachstum stimmt optimistisch, und das Erreichen des Nachkriegsniveaus wird hoffentlich auch die Nestbetreuer gelassener werden lassen, die bisher Zufütterungen und Hilfsmaßnahmen in Schlechtwetterperioden für unverzichtbar hielten. Dennoch braucht der Weißstorch weiterhin unseren vollen Einsatz bei der Erhaltung und Optimierung von Lebensräumen. Denn nicht allein die Flächengröße ist entscheidend, sondern die Art und das zeitliche Muster der Nutzung. Hier müssen vor allem mögliche Chancen und Gefahren durch die geänderten EU-Agrarrichtlinien im Auge behalten werden. Glücklicherweise gibt es weiterhin Initiativen, die zumindest kleinflächig weitere Wässerwiesen reaktivieren wollen, die nachweislich eine hohe Nahrungsdichte für den Storch bieten. Vielleicht stellen aber die derzeitigen Dumpingpreise für Milch und damit die Existenzbedrohung für Milch erzeugende Betriebe die größte Gefahr für den neu gewachsenen Storchenbestand dar, denn diese sind es, die aus wirtschaftlichen Gründen an frühzeitiger Mand und Bewässerung interessiert sind. Engagement und Kreativität sind weiterhin gefragt, um dem Kulturfolger Weißstorch ein Leben in unserer dicht besiedelten Landschaft zu ermöglichen. Nicht nachlassen dürfen auch die Bemühungen um die Beseitigung von Gefahren, national und international, sowie bei der sorgfältigen Beobachtung der Bestandsentwicklung, damit der Weißstorch nicht wieder, wie schon einmal vor 40 Jahren, in unserem Land von der Bildfläche verschwindet.

Danksagung
Unser Dank gilt allen, die in irgend einer Form zu der erfolgreichen Wiederansiedlung des Weißstorches beigetragen haben. Für die Informationen zu diesem Beitrag danken wir der Vogelwarte Radolfzell, den Nestbetreuern, Nestbeobachtern und anderen Informanten, deren Meldungen in unserer zentralen Datenbank zusammen laufen, insbesondere Dr. Michael Fangrath sowie den Beringern Manfred Conrad, Ingrid Dorner und Christian Reis.

Karin Hechler und Pirmin Hilsendegen, Aktion PfalzStorch

Literatur
AKTION PFALZSTORCH, Datenbank, Stand 20.12.2009.
BERTRAM, K. (1905): Allgemeiner Bericht. Verh. Orn. Ges. Bayern 5: 338-394.
DORNER, I. (2009): Weißstorch Ciconia ciconia 2008 in Rheinland-Pfalz — eine Übersicht. POLLICHIA-Kurier 25/1: 30-35. FANGRATH, M. & P. HILSENDEGEN, (2005): Die
Bedeutung des Queichtals als Rast- und Übernachtungsgebiet für den Weißstorch (Ciconia ciconia L.): Schlafplätze und Herkunft der Vögel. — Mitt. POLLICHIA. 91: 171 —178.
GROH, G. & N. SISCHKA (1970): Zum Aussterben des Weißstorches (Ciconia ciconia) in der Pfalz. Mitteilungen der POLLICHIA. Band 17: 125-128.
GROH, G., D. HOFFMANN & N. SISCHKA (1 978): Zum Aussterben des Weißstorches (Ciconia ciconia) i. d. Pfalz — Zweiter Teil. Mitteilungen der POLLICHIA. 66: 138-149.
HENDRICH, 1. (2009): Es sieht schwarz aus für den Weißstorch. Rhein-Main-Presse vom 21. August 2009: 19.

 

 

Der Bericht ist bereits im Pollichia-Kurier 1/2010 erschienen.
Weitere Informationen zum Verein für Naturforschung und Landespflege erhalten Sie direkt unter www.pollichia.de

 

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