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Der Schwarze Reiter vom Galgenwald

(nach Rudolf Bechberger; eingereicht von Ina Schmidt)

Schon in sehr früher Zeit führte eine vielbenutzte Handelsstraße, die sogenannte Hochstraße (Hoch Stroß), von Kaiserslautern über Alsenborn durch den Stumpfwald nach Worms. In dem großen Waldgebiet hielt sich gegen Ende des 17. Jahrhunderts viel Raubgesindel auf. Wenn darum ein Handelsmann mit seinen Waren Richtung Wormsgau zog, nahm er sich zum Schutz einige Berittene mit. Man nannte sie "Geleitsreiter".

Es war im November des Jahres 1689, als auf der Straße durch den Stumpfwald, dessen Ausläufer bei Neuhemsbach "Galgenwald" genannt wurde (Hier stand der Galgen zur Demonstration der Hohen Gerichtsbarkeit der Herrschaft Neuhemsbach), drei Geleitsreiter Kaiserslautern zustrebten. Sie hatten am Tage zuvor einen Handelsmann sicher nach Worms geleitet. Jetzt befanden sie sich auf dem Heimweg zur Barbarossastadt, als sie ein Pferdefuhrwerk überholten, das eine schwere Last transportierte. Vorn neben dem Fuhrknecht saß ein vornehm gekleideter Mann, an dem man unschwer den reichen Städter erkennen konnte. Den Kragen seines schweren, pelzbesetzten Mantels hatte er hochgeschlagen, um sich gegen den rauen Novemberwind zu schützen. "Es muss schon etwas ganz Besonderes sein, was dieser hier weit über Land befördert", sagte einer der Reiter, der sich durch sein pechschwarzes Haar und seinen spitzen Schnurrbart von den anderen abhob. "Du hast Recht", sagte sein kleinerer, rundlicher Begleiter. "Ich hätte schon mal Lust nachzuschauen, welch wertvolles Gut der Städter hier unter der Plane hat und vermutlich hier irgendwo im Wald verstecken will. Ein vorsichtiger Kaufmann würde sich in diesen unsicheren Zeiten nicht ohne Geleitschutz durch den finsteren Stumpfwald wagen". "Das wirst du bleiben lassen, vornehme Reisende auf der Straße belästigen. Schließlich sind wir keine Raubritter, sondern Geleitsreiter und unserer Ehre und Zunft verpflichtet". So ließ sich der dritte Reiter vernehmen. Er war der Älteste und wie man vermuten kann der Anführer der kleinen Truppe. Dann zogen sie wieder schweigend weiter. Der im düsteren Abendlicht stehende finstere Wald lud zu Stillschweigen geradezu ein. Das Ächzen und Poltern des schweren Pferdewagens verklang hinter ihnen und war bald nicht mehr zu hören.

Der Schwarze aber hatte den Vorfall längst noch nicht vergessen. Der Gedanke ließ ihn nicht los: "Was mag der vornehme Städter durch den entfernten finsteren Wald transportieren. Fremdes Kriegsvolk ist im Land. Raubgesindel macht die Wege unsicher. Städte und Dörfer sind vom Krieg zerstört. Hungernde und Obdachlose ziehen umher. Der Fremde nimmt trotzdem das Wagnis auf sich, durch diesen endlos scheinenden Wald allein und ohne Geleitschutz zu ziehen".

Er wollte es herausbringen und legte sich einen Plan zurecht. Der Abend brach schnell herein, als sich die drei dem Dorf Alsenborn näherten. "Ich schlage vor", sagte der Schwarze, "dass wir uns in der Randecker Schänke noch eine Kanne Wein zu Gemüte führen." Er nahm mit Sicherheit an, dass die anderen ablehnen würden, um noch vor der Dunkelheit die Stadt zu erreichen. So geschah es denn auch. "Du weißt, wenn die Stadttore geschlossen sind, haben wir Ärger", sagte der Anführer. "Auf mich wartet niemand in Lautern", sagte der Schwarze. 
"Meine Kehle ist wie ausgedörrt, ich muss sie anfeuchten." Mit diesen Worten verließ er die anderen und trabte in Richtung Randecker Schänke davon. Er kehrte aber nicht ein, sondern versteckte sich im Walde. In seinem Versteck hörte er den Wagen allmählich näher kommen. Er folgte 
ihm in einigem Abstand, ohne bemerkt zu werden. Unweit des  
Billesweihers verließ der Fuhrmann die Handelsstraße und fuhr auf einem wenig befahrenen Weg gegen das Dorf Neuhemsbach zu. Burg und Dorf Neuhemsbach waren kurz vorher in den Kriegsswirren des Jahres
1689 zerstört worden und so gut wie unbewohnt. Die Herrschaft Neuhemsbach gehörte einem reichen Wormser Bürger namens G. Merkel, der sie von einem Erben der Flersheimer erstanden hatte. Und wer mit dem Wagen durch die Nacht in Richtung Neuhemsbach fuhr, war niemand anderes als der Besitzer der Burg. Die Wagenfracht aber bestand aus 24 Zentner geschmolzenem Glockenmetall.

Am 31. Mai 1689 ließ der französische General Melac die Reichsstadt Worms niederbrennen. Ratsherr Merkel barg das geschmolzene Glockenmetall einer zerstörten Kirche und brachte es in den erhalten gebleibenen Burgkeller nach Neuhemsbach. Er hoffte, dass in dieser einsamen Gegend niemand den Schatz entdecken würde. Der Schwarze Reiter hatte jedoch alles beobachtet. Er erzählte es in der Stadt und so kam es auch dem Ratsherrn Leymeister zu Ohren. Dieser erwirkte von dem französischen Intendanten de la Goupilliere die Erlaubnis, das vergrabene Glockenmetall zu suchen. Mit dem genannten Geleitsreiter und einigen Bürgern aus der Stadt holten sie das Glockenmetall aus seinem Versteck. Jeder verdiente sich bei diesem unehrenhaften Handel 60 Gulden. Der schwarze Geleitsreiter konnte sich jedoch nicht lange seines Gewinns erfreuen. Im November 1690 fand man ihn in der Nähe des Neuhemsbacher Galgens mit gebrochenem Genick. Sein Pferd war erschossen. Die Ursache seines Todes konnte nicht geklärt werden.

In der Randecker Schänke (Randecker Hof bei Neuhemsbach) kann man im Übrigen auch heute noch einkehren. Die Plätze der Niederen und Hohen Gerichtsbarkeit können erwandert werden. Anfrage zu Wanderführungen gern über www.mitinaunterwegs.de

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