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Magere Wiesen im Südlichen Pfälzerwald und Halbtrockenrasen auf der Kleinen Kalmit

Im folgenden Bericht über die Frühjahrsexkursion der POLLICHIA am 17. Mai 2009 werden neben wenigen faunistischen Mitteilungen vor allem bedeutende Pflanzenfunde genannt. Auch auf vegetationskundliche Zusammenhänge wird verwiesen. Der erste Haltepunkt der Exkursion führte uns auf magere Wiesen nahe Hinterweidenthal, ein Bereich, der in den Flurkarten als „Die Heide“ eingetragen ist.Wolfgang Sander von der Unteren Naturschutzbehörde und Jürgen Walter, Biotopbetreuer im Landkreis Südwestpfalz, informierten die Teilnehmer über die Nutzungsgeschichte dieser sehr idyllisch von Wald umgebenen, ebenen und ausgedehnten Wiesen. Wie in anderen Regionen des Wasgaus (des südlichen Pfälzerwaldes) wurden die schmalen Flurstücke, auf denen wir heute Grünland vorfinden, bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts ackerbaulich genutzt.

Botanisieren im Magergrünland-Gebiet „Auf der Heide“ bei Hinterweidenthal.Die letzten Äcker verschwanden hier in den 1960er Jahren. Nachfolgend entstanden teils Brachen, teilweise wurden Flächen in Wiesen umgewandelt und einige Grundstücksbesitzer forsteten ihr Land mit Nadelbäumen auf. Anfang der 1990er Jahre nahm sich der Naturschutz, die damaligen Unteren und Obere Landespflegebehörde, des Gebietes an mit dem Ziel, die Offenlandbereiche zu erhalten und nach Möglichkeit die Brach und Aufforstungsflächen in Wiesen zu überführen, sprich Entbuschungs- und Rodungsmaßnahmen durchzuführen. Die naturschutzfachliche Wertigkeit der Flächen wurde bereits in den 1980er Jahren im Zuge des so genannten Westpfalzgutachtens dokumentiert und erkannt. Hans Dieter Zehfuß, der damals für das Westpfalzgutachten „Die Heide“ kartierte, ist mit dem Gebiet bestens vertraut. Wenn wir von Wiesen und Weiden sprechen, meinen wir damit Grünland, das landwirtschaftlich genutzt wird. Vegetationskundlich ist Grünland in der Regel auch nichts anderes. Botaniker beschreiben es jedoch differenziert über sogenannte Charakterarten.

 

Der Lämmersalat, eine der besonders schutzwürdigen Pflanzenarten „Auf der Heide“, ist ein Relikt der vorherigen Ackernutzung.Als solche gelten für das Grünland z.B. der Wiesen-Klee (Trifolium pratense), der Kriechende Weißklee (Trifolium repens), der Sauerampfer (Rumex acetosa) und das Knäuelgras (Dactylis glomerata). Letztes ist ein hochwüchsiges Gras, das nun wieder aus Sicht der Landwirtschaft, zusammen mit anderen Hochgräsern, den Futterertrag von Grünland bestimmt, während die Kräuter für die Futterqualität maßgeblich sind. Wie es die Lagebezeichnung „Die Heide“ passend zum Ausdruck bringt, finden wir in den mageren Wiesen kaum hochwüchsige Gräser und die typischen Kräuter halbwegs nährstoffreicher Wiesen, z.B. der Wiesenkerbel (Anthriscus sylvestris) oder der Wiesen- Bärenklau (Heracleum sphondylium), fehlen vollends. Selbst die beiden genannten Kleearten, eigentlich Bestandteil jeder Wiese oder Weide, kommen hier nur sehr sporadisch vor. Auf den Wiesen wächst stattdessen eine ganze Reihe Magerkeitszeiger: Ruchgras (Anthoxanthum odoratum), Rotes Straußgras (Agrostis tenuis), Feld-Hainsimse (Luzulacampestris), Fliegen-Ragwurz…03Ferkelkraut (Hypochaeris radicata), Kleiner Klee (Trifolium dubium) etc. Dazu kommen Charakterarten ganz anderer Pflanzengesellschaften, etwa der Borstgrasrasen und der Zwergstrauchheiden, wie z.B. Hunds-Veilchen (Viola canina) und die Besenheide (Calluna vulgaris). Auch gesellen sich Arten der Sand-Magerrasen hinzu, z.B. der Ausdauernde Knäuel (Scleranthus perennis), der Bauernsenf (Teesdalia nudicaulis) oder auch das Moos Racomitriumcanescens. Eine ganz besondere Art der Sandmagerrasen, die wie manch anderer Vertreter aus dieser Pflanzengesellschaftsklasse nicht nur hier, sondern auch auf Sandäckern vorkommt, ist der Lämmersalat (Arnoseris minima).Weil der zierliche Korbblütler nicht nur deutschlandweit auf der Roten Liste steht und vielerorts ausgestorben ist, sondern weil die Art auch ihren Verbreitungsschwerpunkt im westlichen Mitteleuropa hat, tragen wir für den Lämmersalat weltweit  gesehen eine hohe Verantwortung. Biotopbetreuer Jürgen Walter freute sich über den Wiederfund zahlreicher Rosetten.
… und Grüne Hohlzunge, zwei leicht zu übersehende Orchideenarten der Kleinen Kalmit.Obgleich die Flächen von ihm regelmäßig begangen werden, konnte er in den letzten Jahren keine Lämmersalat-Pflanzen mehr kartieren. Die Samen, die nur kurzzeitig im Boden überdauern können - nach OBERDORFER (2001) gerade einmal fünf Jahre - brauchen offene Bodenstellen. Der diesjährige Bestand verdankt seine Existenz vermutlich den Wildschweinen. Er befindet sich auf Erdblößen im Bereich von Wühlstellen. Für die Heuschreckenkenner sei noch mitgeteilt, dass eine sehr beeindruckende Population des Warzenbeißers (Decticus verrucivorus), der Jahreszeit entsprechend ausnahmslos Jungtiere, vorgefunden wurde, und selbstverständlich sangen zahlreiche Feldgrillen (Gryllus campestris) in den Magerwiesen. Die Magerwiesen im Wasgau sind im Frühling ohne deren Gesänge gar nicht vorstellbar!

 

Die Mittagspause erfolgte in Wernersberg bei Annweiler auf dem Altenberg, einer Hochfläche, die sich in Richtung Völkers - weiviele der basen- bzw. kalkliebenden Arten, die in Halbtrockenrasen (Mesobrometum) zu finden sind. Dagegen sind typischen Säurezeiger, allen voran der Kleine Sauerampfer (Rumex acetosella), fester Bestandteil der Mageren Glatthaferwiesen über Buntsandstein im Pfälzerwald. In diesen Glatthaferwiesen über Buntsandstein findet man auch Orchideen, namentlich das Gefleckte Knabenkraut (Dactylorhiza maculata) und die Weiße Waldhyazinthe (Platanthera bifolia). Diese Arten wurden am Exkursionstag nicht registriert. Für sie war es noch zu früh im Jahr, sie blühen meist erst im Juni. Wer sich über den interessanten Wiesentyp weitergehend informieren möchte, dem seien die Publikationen RÖLLER
& PEPPLER-LISBACH (1998) und LISBACH & PEPPLER-LISBACH (1999)
empfohlen.


Exkursionsleiter Hans D. Zehfuß erklärt die geologischen Vorgänge zur Entstehung der Kleinen Kalmit.Die Exkursionsteilnehmer konnten die letzten Bestände der Sandmohn-Ackerwildkraut-Gesellschaften auf dem Altenberg bewundern. Der Ackerbau verschwindet hier Jahr für Jahr weiter aus den Flächen. Blaue Felder mit Kornblumen (Centaurea cyanus), dazwischen roter Sand-Mohn (Papaver argemone), weiße Echte Kamille (Matricaria chamomilla) und zierlich bodennah wachsender Dreifinger-Ehrenpreis (Veronica triphyllos) gehören hier wohl bald der Vergangenheit an. Der dritte Exkursionshaltepunkt war die Kleine Kalmit bei Ilbesheim, womit die trocken-mageren Grünlandtypen vom „sauren Flügel“ bis zum „basenreichen-kalkhaltigen Flügel“ gestreiftwaren. Die orchideenreichen Halbtrockenrasen der Kleine Kalmit sind schon seit Jahrzehnten ein äußerst beliebtes Studienobjekt der Botaniker von nah und fern. Doch nicht allein die Orchideen,von denen es hier z.B. alle in Deutschland vorkommenden Ragwurzarten gibt, auch die Steppenvegetation, die als Relikt früherer Zeiten auf der Kleinen Kalmit erhalten blieb, verdient unser Interesse.

 

Unter anderem KAHNE (1970) hat in den „Mitteilungen der POLLICHIA“ darüber berichtet. Unser Exkursionsführer an diesem Haltepunkt war Norbert Berlinghof, aktiv im Arbeitskreis heimischer Orchideen und zusammen mit Norbert Sischka einer der besten Kenner der aktuellen Orchideenvorkommen auf der Kleinen Kalmit. Der Experten als positiv bewertet.

 

Zum Abschluss der Exkursion, am Nachmittag, als die tief stehende Sonne die Vorhügelzone und den Ostrand des Pfälzerwaldes in die schönsten Frühlingsfarben tauchte, schilderte Hans Dieter Zehfuß den Exkursionsteilnehmern die hochinteressante erdgeschichtliche Entwicklung, welche zur Entstehung des Rheingrabens und zur Heraushebung der Kleinen Kalmit führte. Der Kalkberg war zwischenzeitlich bis in eine
Tiefe von 1700 Metern in den Rheingraben eingesunken und verschüttet, ehe er durch Erosionsprozesse über Jahrmillionen wieder zutage gefördert wurde. Der dramatischen Schilderung des „Untergangs“ der Kleinen Kalmit und ihres wieder Auftauchens lauschten nicht nur POLLICHIAner, auch anwesende Touristen und Naherholungssuchende gesellten sich dazu. Wahrscheinlich waren alle danach mehrwissend und vor allem froh darüber, dass es die einzigartig schöne Kleine Kalmit heute in der Pfalz gibt.

 

Dank an alle beteiligten Referenten, an die Teilnehmer für ihr großes Interesse und besonders herzlichen Dank Hans Dieter Zehfuß für die gute Zusammenarbeit bei der Planung und Durchführung der Exkursion!

 

Oliver Röller, Haßloch
(Fotos: O. Röller)


Literatur
KAHNE, A. (1970): Die Vegetation der Kleinen Kalmit.
Mitt. POLLICHIA 58: 42-56. Bad Dürkheim.
LISBACH, I.&C. PEPPLER-LISBACH (1996):Magere Glatthaferwiesen im südöstlichen Pfälzerwald und im Unteren Werraland. - Ein Beitrag zur Untergliederung des Arrhenatheretum elatioris Braun 1915. Tuexenia
Bd. 16: 311-336.Göttingen.
OBERDORFER E. (2001): Pflanzensoziologische Exkursionsflora für Deutschland und angrenzendeGebiete. Stuttgart. 1051 S.
RÖLLER,O.&C. PEPPLER-LISBACH (1998): Vegetationsentwicklung auf ehemaligen Ackerbrachen in der Gemarkung Wernersberg (Lkrs. Südliche Weinstraße). Fauna und Flora in Rheinland-Pfalz Bd. 8, Heft 4: 1235- 1276. Landau.

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