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Die Auswanderung aus Lachen und Speyerdorf nach Mittelpolen

In den Jahren 1816/17 erlebte die Pfalz eine Massenauswanderung, die nicht nach Nordame­rika oder in das Schwarzmeergebiet führte, sondern nach Mittelpolen in die Gegend von Lodz und von Warschau. Von allen pfälzischen Gemeinden stellten dabei Lachen zusammen mit der Nachbargemeinde Speyerdorf das größte Kontingent. Etwa 40 Familien, wahrscheinlich waren es sogar mehr, also bestimmt über 150 Personen, kehrten ihren Heimatorten den Rü­cken, die meisten von ihnen im Jahr 1816.

 

Die Auswanderer, die Lachen und Speyerdorf verließen, gehörten alle der dörflichen „Unter­schicht" an. Sie hatten wenig oder gar keinen Landbesitz. Um ihre Familien ernähren zu kön­nen, waren sie auf eine Beschäftigung im Tagelohn bei den vermögenderen Ortsbewohnern angewiesen. Da es aber so viele Geringbegüterte gab, standen nicht genügend solcher Ar­beitsplätze zur Verfügung. Der Kreisdirektion empfahl der Bürgermeister von Lachen, den Auswanderungsgesuchen mehrerer Antragsteller aus dem Dorf zuzustimmen. Die Betreffen­den seien „entbehrlich" für die Gemeinde, „da sie sich und ihre Kinder nicht durch ihrer Hän­de Arbeit ernähren" könnten. „Vielmehr wäre zu wünschen, daß noch 20 Familien, die ihren Mitbürgern zur Last fallen, auswanderten."


Begonnen hatte die Auswanderung aus Lachen nach Mittelpolen 1804. Im Juli dieses Jahres verließen mehrere Familien „ohne Erlaubnis zur Nachtzeit" ihr Heimatdorf und zogen, ange­lockt von den günstigen Ansiedlungsbedingungen, in das damals noch zum Königreich Preu­ßen gehörende Südpreußen. Zu dieser Auswanderergruppe gehörte die Familie von Philipp Zoller, der - nach einer Bemerkung des Bürgermeisters - ohne Vermögen war und in Lachen „nie etwas zu hoffen" hatte. Er siedelte sich in der neu gegründeten Kolonie Neu-Sulzfeld bei Lodz an und bewirtschaftete dort zwei Hufen (60 Morgen) Ackerland. Philipp Zoller hielt weiterhin Kontakt zu seinen Verwandten in Lachen. Von ihm und wohl auch von anderen Auswanderern aus Lachen, die bei Lodz eine neue Heimat gefunden hatten, gelangten Briefe in die alte Heimat, in denen zur Auswanderung aufgefordert wurde.


Diejenigen Bewohner von Lachen und Speyerdorf, die sich 1816 auf Grund der Briefe und der Tätigkeit von Agenten zur Auswanderung entschlossen, gehörten alle, wie schon gesagt, der ärmeren Bevölkerungsschicht an. Nach ihrem plötzlichen Verschwinden bemerkte der Bürgermeister in mehreren Schreiben über sie u. a. „ganz ohne Vermögen", „zahlt keine Grundsteuer", „Familie sehr verschuldet", „hinterließ nichts dahier", „diese Familie besaß nichts und auch keine Hoffnung, künftighin etwas zu beziehen", „in bettelarmem Zustand ausgewandert" usw.


Zwischen den Auswandererfamilien bestanden etliche verwandtschaftliche Beziehungen. Sie müssen sich untereinander sehr einig gewesen sein und gingen, was die Vorbereitung ihres Wegzugs anbelangt, konspirativ vor. Offensichtlich gab es eine Kluft zwischen ihnen und dem vermögenderen Teil der Dorfbevölkerung, die sich gegenüber den Habenichtsen abschot­tete.


In der Nacht vom 13. auf den 14. Juni 1816 brachen die Auswanderer heimlich auf, offenbar unbemerkt von den übrigen Dorfbewohnern. Der Zug umfasste wahrscheinlich zwischen 25 und 30 Familien, die sich, wenn man ihre Vermögensverhältnisse bedenkt, zumindest teilwei­se nur mit Handwagen auf den langen Weg gemacht haben müssen. Später folgten ihnen ver­einzelt noch weitere Ortsbewohner, auch sie, ohne sich vorher dem komplizierten Genehmi­gungsverfahren durch die Behörden auszusetzen.


Was ist aus den Polenauswanderern aus Lachen und Speyerdorf geworden? Einige kamen mit den Gegebenheiten in Mittelpolen nicht klar und sind enttäuscht zurückgekehrt. Etwa 30 Fa­milien aber, ihre genaue Zahl lässt sich nicht angeben, konnten in Neu-Sulzfeld und den Nachbardörfern Wiaczyn und Grünberg Fuß fassen und Grundbesitz erwerben. Nachfahren der Bauer, Becker, Hofsäß, Mees, Roth, Theobald, Zimmermann und Zoller aus Lachen und Speyerdorf lebten bis Januar 1945 in den deutschen Siedlungen bei Lodz. Die 18 Nachfahren der Zoller besaßen zusammen rund 185 ha Land, worunter der Hof von Johann Zoller II. mit 40 ha der größte war.


Im Januar 1945 endete die Geschichte der Auswanderung aus Lachen und Speyerdorf nach Mittelpolen, als sowjetische Truppen das Gebiet der deutschen Dörfer bei Lodz eroberten. Das Schicksal der Nachfahren der ersten Siedler glich dem der Ostpreußen, Pommern und Schlesier. Ein Teil konnte rechtzeitig vor dem Eintreffen der sowjetischen Soldaten flüchten. Die Zurückgebliebenen wurden, sofern sie Zwangsarbeit, Lageraufenthalt oder Verschlep­pung in die Sowjetunion überlebten, in das Deutschland westlich von Oder und Neiße ausge­wiesen.



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