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Heimat Pfalz - Clarita Goldschmidt

Herausgeber: Dr. Theo Schwarzmüller, Direktor des Instituts für pfälzische Geschichte und der Pfalzbibliothek in Kaiserslautern

Clarita Goldschmidt, Geboren 1927 als Klara Mann in Steinbach am Glan (Landkreis Kusel), musste 1938 mit ihrer jüdischen Familie von der Pfalz nach Argentinien auswandern, führte gemeinsam mit ihrem Mann eine Konditorei in Buenos Aires, wo sie heute noch lebt.

Steinbach ist für mich zwar die alte Heimat, aber leben möchte ich nicht mehr hier. Andererseits ist Argentinien nie meine richtige neue Heimat geworden. Für meine Kinder und Enkelkinder ist das ganz anders. Sie sind hier geboren und leben hier. Ich selbst habe das neue Zuhause akzeptiert, was blieb mir anderes übrig. Hier haben meine Eltern, meine Brüder, mein Mann und ich Aufnahme gefunden, als uns die alte Heimat nicht mehr haben wollte.


Doch „verfolgt" mich die alte Heimat auch hier auf Schritt und Tritt. Das war früher noch viel intensiver, so lange meine Eltern noch lebten. Meine Mutter hatte auch hier immer die alten deutschen Volkslieder auf den Lippen gehabt. Wie oft hat sie „Der Jäger aus Kurpfalz", „Am Brunnen vor dem Tore" oder „Das Wandern ist des Müllers Lust" gesungen. Auch in Argentinien haben wir von einem Grammophon deutsche Lieder gehört, das war dann immer mit Erinnerungen an die Heimat verbunden. Und wenn ich, wie zuletzt in Steinbach diese und andere Lieder- so schön vom Gesangverein vorgetragen - höre, dann laufen mir die Trä¬nen die Backen herunter. Und ich denke dabei auch an die schönen Feste, die wir früher gefeiert haben, ja sogar das Weih¬nachtsfest haben wir mit der christlichen Nachbarsfamilie Westrich zusammen gefeiert. Ein großer Traum von mir war, noch einmal die alte Heimat zu besuchen, den Steinbach rauschen zu hören gehen und die schönen Wiesen mit ihren weißen und gelben Blümchen zu genießen. Dieser Traum ist mir in den letzten Jahren erfüllt worden. Am liebsten wäre ich noch in den Wald gegangen, um Walderdbeeren und Brombeeren zu pflücken. Ich denke oft an all dies Schöne aus meiner Kindheit, auch daran wie wir Maikäfer von den Bäumen geschüttelt und in kleine Streichholzschachteln getan haben.

Steinbach am Glan im Landkreis Kusel.Wenn ich an all das denke, dann vergesse ich auch für kurze Zeit all das Schlimme, was wir in den letzten fünf Jahren vor unserer Auswanderung alles erleben mussten. „Saujud" haben uns einige Buben manchmal auf der Straße nachgerufen und die beiden Lehrer waren auch nicht gut zu uns, außer Frau Schramm, der Handarbeitslehrerin, die immer ein gutes Wort für mich hatte. Ich hatte aber auch liebe, mir freundlich gesonnene Mitschülerinnen, die ich -soweit sie noch am Leben sind - jetzt auch wieder getroffen habe. Auch die guten Nachbarn vergesse ich nicht. Oft denke ich zum Beispiel an Frau Müller, die Mutter meiner Schulfreundin Lore, die uns Milch gebracht hat, als wir keine Kuh mehr halten durften. Nicht vergessen werde ich den alten Michel Mayer. Er gab mir vor unserer Abreise noch drei Mark. „Klärche, dass de mer vun Argentinie schreibscht, wie's Eich geht", sagte er. Unser Anfang auf dem Land in Argentinien war sehr schwer. Das Eingewöhnen in einem vollkommen fremden Land mit anderer Sprache, anderen Sitten, ohne Bequemlichkeiten, keine Elektrizität, nur Kerzenlampen - Wasser musste gepumpt werden - man konnte sich nicht baden, nur abwaschen mit einem Eimer Wasser. Gott sei Dank, es war gerade Sommer und wir stellten das Wasser in die Sonne zum Wärmen. Die erste Nacht schliefen meine Eltern und Brüder auf Stroh ... Das war jetzt unsere neue Heimat. Es war ein ziemlich schweres Leben auf dem Campo, aber wir wurden in Ruhe gelassen und nicht mehr bedrängt.

Chanukka-Leuchter aus Steinbach am Glan. Das jüdische Lichterfest Chanukka geht auf den Sieg des Judas Makkabäus und seiner vier Brüder über die Seleukiden-Dynastie im Jahr 165 vor Christus zurück.40 Jahre nach unserer Abreise war ich im Sommer 1979 zum ersten Mal wieder in Steinbach. Natürlich habe ich mein Elternhaus besucht und ich wurde auch von den damaligen Besitzern, der Familie Trautmann, gut aufgenommen. Es gab frisch-gebackenen „Quetschekuche", der hat gut geschmeckt. Es war ein Stück Heimat. So wie die Menschen, die Lieder und die Feste verbinde ich mit „Heimat" natürlich auch das deutsche Essen, obwohl die Argentinier auch gut kochen können. Meine Mutter hatte auch in Argentinien ihre deutschen Kuchen gebacken, Marmor- und Streuselkuchen und gute Dampfnudeln gab's bei uns, und an Fastnacht die guten „Fassenachtskichelcher". Das und all die Erinnerungen konnte uns niemand nehmen.

 

 

 

 

Das Buch zum Bericht:

heimat_pfalzHeimat Pfalz - Gedanken und Erinnerungen

beinhaltet die Erlebnisse von mehr als 40 bekannten Persönlichkeiten zum Thema Heimat:
Rudi Michel, Ralph H. Baer, Ottmar Walter, Rudolf Morsey, Clarita Goldschmidt, Hein Kröher, Oss Kröher, Friedrich Wetter, Helmut Kohl, Horst Eckel, Anton Schlembach, Bernhard Vogel, Marliese Fuhrmann, Hans Fenske, Albrecht Müller, Josef Jerger, Gustav-Adolf Bähr, Fritz Schumann, Günter Barudio, Eberhard Cherdron, Walter Dury, Rainer Brüderle, Gerd Rheude, Hansjörg Duppré, Michael Bauer, Werner Schineller, Stefan Baron, Kurt Beck, Markus Schächter, Maria Böhmer, Theresia Riedmaier, Theo Wieder, Gerhard Braun, Heiner Dopp, Eva Lohse, Nico Hofmann, Kerstin Witte-Petit, Malu Dreyer, Patrik Sommer, Christian Baldauf, Monika Geier, Ilja Tüchter, Sylvia Benzinger

Herausgeber: Theo Schwarzmüller

Erscheinungsjahr 2006 - ISBN 3-927754-58-7 
184 Seiten mit zahlreichen Illustrationen
Zu beziehen über den Shop des Instituts für pfälzische Geschichte und Volkskunde

 

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