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Unser Freund der Baum - Eine naturkundlich-mythologische Betrachtung

Zeichnung: Ute Knieriemen-WagnerSag’ ich’s euch, geliebte Bäume?
Die ich ahndevoll gepflanzt,
Als die wunderbarsten Träume
Morgenrötlich mich umtanzt.
Ach, ihr wißt es, wie ich liebe,
Die so schön mich wiederliebt,
Die den reinsten meiner Triebe
Mir noch reiner wiedergibt.

 

Wachset wie aus meinem Herzen,
Treibet in die Luft hinein,
Denn ich grub viel Freud und Schmerzen
Unter eure Wurzeln ein.
Bringet Schatten, traget Früchte,
Neue Freude jeden Tag;
Nur dass ich sie dichte, dichte,
Dicht bei ihr genießen mag.
                                        Johann Wolfgang von Goethe

 

Aufgewachsen in einer Philosophie materiellen Denkens, welche die Natur entpersonifiziert und sie nur noch als die unbekannte Ursache einer Reihe von Sinneseindrücken und wissenschaftlichen Erklärungen versteht, fällt es dem modernen Menschen schwer, sich in den „Mythos Baum“ hinein zu denken. Und dennoch ist er immer um uns und in uns. Während eines Spazierganges durch den Pfälzerwald sind wir diesem Mythos besonders nahe und neben der Landschaft sind es die Bäume selbst, die uns darüber berichten.

 

Die Natur hat für alle nur möglichen Fragen eine Antwort parat. Uns heutigen Menschen erscheint sie anders als unseren Vätern und Müttern, dennoch: wenn wir in die Tiefen des Pfälzerwaldes eindringen wen überkommt da nicht Respekt, wenn er unter den alten Baumriesen wandert die hier noch zu finden sind? Und so kann es passieren, dass wir uns plötzlich in einer romantischen Welt wiederfinden, dass wir in der Natur einen friedvoll in sich ruhenden Erdentag genießen und den Wald als eine mütterliche Hülle des Lebens erahnen, als Spiegelung unserer eigenen Empfindungen und Gefühle, als unberührter Natur die uns den ewigen Rhythmus von „Werden und Vergehen“ erzählt.

 

Bäume erzählen ihre eigene Geschichte, eine Geschichte die viele tausende von Jahren älter ist als die des Menschengeschlechtes.

 

Da steht mächtig und wuchtig die Eiche, der heilige Baum der keltischen Druiden. Über die Mythologie dieses Baumes könnte man mehrere Bücher schreiben. Alle indogermanischen Völker verehrten diesen Urriesen. Doch nicht nur den Kelten auch den Römern, den Griechen, den Slawen und Etruskern galt die Eiche als Orakelbaum. Die berühmteste war die weissagende Eiche im Heiligtum von Dodona.

 

Die Buche war den Germanen besonders lieb. Sie war dem Donnergott Thor geweiht. „Thors Hämmer“ werden die alten Buchen verschonen, hieß es bei unseren Vorfahren. Und noch heute geht bei Gewitter der Spruch um: „Vor den Eichen sollst du weichen, doch die Buchen sollst du suchen, kannst du Linden grad nicht finden“. Es ist uns ein bekanntes Bild, wenn wir auf eine mächtige alte Buche treffen und in deren Rinde ein Herz und die Anfangsbuchstaben eines Namens erkennen die jemand dort hinein geritzt hat. Schließlich gibt es einen Zusammenhang zwischen den Wörtern: Buch – Buche – Runen. Runen bedeutet „Geheimnis“ und ist noch erhalten in unserem Wort „Geraune“. Erwähnt wurden die Runen das erstemal bei der germanischen Göttin Idun, der Hüterin der magischen Äpfel und des Wildapfelbaumes. Ihr Gatte war Bragi, der Sohn Wotans. Ihm ritzte sie geheimnisvolle Zeichen in seine Zunge, wodurch jener die magische Kraft der Worte erwarb und somit der größte aller Barden wurde. In der Nibelungensage ist es Gudrun die noch die Kunst des „Runenlesens“ und „raunens“ beherrscht. Im Lied von Sigridifa, einem Epos der Edda heißt es:

 

„Astrunen lerne,
willst Arzt du werden
und wissen wie Wunden man heilt,
in die Borke schneid sie
dem Baum des Waldes
der die Äste nach Osten neigt.“

 

Der Philosoph Friedrich Nietzsche ahnte noch das Geheimnis der „raunenden Bäume“ als er in einem Gedichtband schrieb:

 

„Hoch wuchs ich über Mensch und Tier; und sprech ich – niemand spricht mit mir“.

Still und erhaben, aber nicht stumm stehen die alten Baumriesen im Pfälzerwald und sprechen zu uns mit der Stimme Günther Eich’s:

 

„Wer könnte leben ohne den Trost der Bäume?“

 

Selbst dem materiellsten unter den Menschen scheint eine würdige Baumgestalt noch Respekt einzuflößen.

 

Ein Notizbuch der Natur kann man Bäume zweifelsohne nennen, denn ihre Jahresringe sind regelrechte hundert oder gar tausendjährige Kalender. An Ihnen kann man nicht nur das Alter der Bäume ablesen, sonder auch noch Rückschlüsse über Klimabedingungen und andere Einwirkungen erfahren. Liegen zwei Ringe dicht beieinander, so zeugt dies von zuwenig Feuchtigkeit in diesem Jahr. Heiße Sonnenjahre mindern die Breite der Jahresringe. Mit diesem „Geschichtsbuch der Natur“ können Dendrologen (Baumkundler) die Vergangenheit wieder lebendig werden lassen.

 

Jeder einzelner Baum ist ein Ökosystem. Die Germanen nannten große und mächtige Bäume „Baum des Lebens“ und ihre Mythologie berichtet uns, dass ein Leben ohne Bäume überhaupt nicht möglich ist. Die Naturwissenschaft berichtet uns das gleiche. Die Bedeutung eines Baumes geht über seinen Wirtschaftsfaktor und Holzpreis weit hinaus. Bäume haben in erster Linie einen ökologischen Faktor. Wenn Bäume im Licht photosynthetisch aktiv sind, geben sie etwa genauso viel Sauerstoff an die Atmosphäre ab, wie sie an Kohlendioxid aus dem Luftraum zur Bindung in organischen Molekülen aufnehmen. Schon eine einzige ausgewachsene Buche von etwa 25 Meter Höhe und einer Gesamtfläche von 1600 m², setzt an einem Tag ungefähr 7000 Liter Sauerstoff frei. Das ergibt etwa 35m³ sauerstoffreicher Atemluft – genug um den Tagesbedarf von über 50 Menschen sicher zu stellen. Ohne die ausgleichenden und regenerierenden Leistungen der Bäume gäbe es auf Dauer keine höheres Leben der jetzigen Form auf der Erde.

 

Wenn wir die Sprache der Bäume verstehen, können wir von Ihnen und ihren - für unser aller Leben – wichtigen Verflechtungen und Funktionen nur lernen. Wir können neue Einsichten erlangen, ob in Bereichen der Biologie, der Mythologie, der Kultur, oder (und vor allem) für unser tägliches Leben.

 

Wir sollten ihm ab und zu mal zuhören, unserem Freund dem Baum.

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