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„... und eine Wolke nahm ihn vor ihren Augen weg“ - Heilig-Geist-Löcher in gotischen Kirchen

Heilig Geist LochWer in gotischen Kirchen nach oben schaut und sich von den mehr oder weniger kompliziert verlaufenden Gewölberippen und den oft prachtvoll gearbeiteten Schlußsteinen verzaubern läßt, wird sich vielleicht fragen, was das für eine Öffnung ist, die anstelle eines Schlußsteines gelegentlich noch zu finden ist. Diese Öffnung – heute oftmals zugelegt oder umgestaltet – hatte früher zu Christi Himmelfahrt und Pfingsten eine ganz besondere liturgische Funktion. Während es der mittelalterlichen Kirche recht einfach war an den großen Festen, wie Weihnachten und Ostern die Bedeutung entsprechend bildlich darzustellen, traf dies für Christi Himmelfahrt und Pfingsten nicht unbedingt zu.

Die geschichtlich-biblische Grundlage hierzu ist in der Apostelgeschichte zu finden. „Er sprach aber zu ihnen: Es gebührt euch nicht, Zeit oder Stunde zu wissen, die der Vater in seiner Macht bestimmt hat., aber ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird und werdet meine Zungen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde. Und als er das gesagt hatte, wurde er zunehmens aufgehoben, und eine Wolke nahm ihn vor ihren Augen weg.“ (Apg 1, 7-9). Dem mittelalterlichen Menschen versuchte man das Gelehrte bildlich darzustellen. Im Gottesdienst wurde eine hölzerne Christusfigur durch das „Heilig-Geist-Loch“ in den Kirchenspeicher hochgezogen. Die Kirchenbesucher folgten aufmerksam dem empor steigenden Christus. Auch in der lutherischen Kirche zählte das Himmelfahrtsfest von Anfang an zu ihren Hauptfesten. Die symbolische Darstellung der Himmelfahrt Christi wurde zunächst beibehalten. „In Festo Ascensionis, da es Übung gewesen, soll das Spectaculum de Ascensione domini bleiben; denn solche Spektakel gute Erinnerung sein der Jugend und den Unverständigen“ (1) Trotz dieser Symbolkraft kam in der Aufklärung dieser Brauch nach und nach außer Gebrauch.

Auch an Pfingsten wurde angeblich die Heilig-Geist-Öffnung gebraucht. Wie bereits in dem obigen Bibeltext angekündigt „Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen in anderen Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen“ (Apg 2, 1-4). Flammen und brennende Zungen sind daher zwar auf vielen Gemälden zu diesem Thema zu sehen, aber für die praktische Umsetzung doch recht gefährlich. Durchgesetzt hat sich wohl auch deshalb die Taube als Symbol für den Heiligen Geistes. Sie ist ab dem 6. Jahrhundert in der bildenden Kunst zu finden und ist noch heute die häufigste Darstellungsform für den Heiligen Geist. Symbolisch wurde eine hölzerne Taube durch die Öffnung in die Kirche hinabgelassen und schwebte über den Köpfen der Gottesdienstbesucher. Im Mittelalter wurden gelegentlich lebende Tauben in den Räumen der Kirche freigelassen. Auch dieser Brauch fiel der rationellen Aufklärung zum Opfer. So verstaubt vermutlich bis heute so manche hölzerne Taube unerkannt unter einem Kirchendach.

Ausdrücklich möchte ich darauf hinweisen, dass mir beide Bräuche bei meinen Nachforschungen in der pfälzischen Kirchengeschichte bisher nicht untergekommen sind.

Aber eine weitere praktische Funktion besaß das „Heilig-Geist-Loch“: War es doch oft die einzige Möglichkeit Glocken durch das Deckengewölbe in den Turm zu ziehen.


(1) Jung, Wolfgang: Liturgisches Wörterbuch, Berlin 1964, S. 58.

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