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| Ostergedanken |
| Autor: Rudolf Wild, Annweiler |
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Das Buch „Warum die Menschen sesshaft wurden“ von Josef H. Reichholf [1] zeigt in verschiedenen Ansätzen, wie altes Brauchtum und religiöses Denken seinen Ursprung genommen haben könnte. Gegenüber den Jahrtausenden, in denen der Mensch seinen Geist formte und nach eis- und steinzeitlich geprägten Ur-Erfahrungen die ersten Hochkulturen schuf, ist unser christlicher Glaube nur eine recht kurze Zeitspanne. Fragt man den Mann oder die Frau auf der Straße, so hört man einen allgemeinen Konsens heraus, dass all unser Brauchtum heidnische Wurzeln hat. Auch dass die christliche Kirche altes Brauchtum in ihrem Sinne überformte und auf alten Kultplätzen christliche Kirchen errichtete, gehört mehr oder weniger zum Allgemeinwissen.
Doch mit der Vorstellung eines „heidnischen Brauchtums“ ist Vorsicht geboten, denn der Begriff ist recht unscharf. „Heidentum“ ist vielmehr als Überbegriff der vorchristlichen Kulturen in all ihrer Vielfalt zu verstehen, – so wie die Juden alle Andersgläubigen als „goi“ bezeichnen, was so viel wie „die Völker“ bedeutet. Im ursprünglichen Sinne meinte der von Luthers Bibelübersetzung geprägte Begriff „Heide“ die rückständigen Menschen, die draußen in der Heide lebten und noch nicht von christlicher Kultur überzeugt werden konnten. Lateinische Schriften des frühen Christentums sprechen von diesen Menschen als „pagani“, was so viel wie ländliche Bevölkerung bedeutet. Bezogen auf unseren heutigen Sprachgebrauch würden wir für solche Menschen den Ausdruck „Hinterwäldler“ benutzen.
„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche …“ So charakterisiert Goethe in Fausts Osterspaziergang die Großwetterlage. Die Christenheit feiert die Auferstehung Christi – ein Mysterium, mit dem wir uns schwer tun in unserer heutigen, aufgeklärten Zeit.
Vergleicht man den Zeitpunkt dieser Auferstehung, so fallen Parallelen zur griechischen Mythologie auf, wo Persephone alljährlich in die Unterwelt verbannt wird und nach langer Suche durch Demeter, die Beschützerin des Ackerbaus – die „Schmerzensmutter der Antike“ gefunden wird. Ihre Auferstehung ermöglicht, dass die Natur wieder ergrünen kann. Die Römer feierten dementsprechend zu Ehren von Ceres, der Göttin des Ackerbaus, die Cerealien. Ihre Tochter hieß Proserpina.
Überträgt man die Problematik „Wie kann der christliche Gott es zulassen, dass sein Sohn getötet wird?“ auf diese ökologische Situation, so finden wir die Antwort in der Bibel: Das Samenkorn muss sterben, wenn die Frucht reifen soll. Und die Saat muss im Boden ruhen, bis das Mysterium des Wachstums geschehen kann.[2] Im übertragenen Sinne könnte man im Wachsen der Frucht eine Erlösung sehen von der langen Winterzeit, in der die Nahrung knapp war und die Menschen zum Fasten gezwungen waren.
Das Brauchtum hat mit Osterfeuer und Osterwasser das wärmende und das den Wachstum fördernde Element der beginnenden Vegetationszeit symbolisch aufgegriffen.
Und wie sieht es mit den anderen Elementen des österlichen Brauchtums aus – den Ostereiern und dem Osterhasen? Ein Zurückgreifen auf vorchristliche Wurzeln lässt sich hier nicht belegen. Aber ebenso wenig finden wir eine Aussage dazu in der Bibel. Interessant ist jedoch, dass auch im jüdischen Passahfest – dessen Termin ja dem christlichen Osterfest zugrunde liegt – das Ei eine wichtige Rolle spielt. Zum feierlichen Passahmahl gehört unter anderem ein gekochtes Ei. Auch bei anderen Kulturen spielt das Ei als Symbol der Fruchtbarkeit eine große Rolle. „Omne vivum ex ovo“ – „Alles Leben kommt aus dem Ei“ war ein geflügeltes Wort bei den alten Römern.
Bei der Betrachtung des jüdischen Jahreslaufes fällt auch auf, dass Passah (oder Pessach) als erstes von drei Erntefesten gefeiert wird. Aber was könnte man zu diesem Zeitpunkt überhaupt ernten? Die wenigen Kräuter, die zu diesem Zeitpunkt zu sprießen beginnen, reichen allenfalls zu einer grünen Soße, wie sie traditionell im Frankfurter Raum an Gründonnerstag gegessen wird. Solche Kräuter gehören auch zum Passahmahl der Juden. Aber davon wird man auf Dauer nicht satt.
Da helfen die Eier schon weiter. Was lag also näher für die Menschen der Vorzeit, als in die Landschaft zu gehen und bunte Eier zu sammeln. Solange die Menschen noch keine Hühner als Haustiere hielten, konnte es den Brauch, Osternester zu bauen und gekochte Eier darin zu verstecken natürlich nicht geben. Aber es gab ja um Ostern herum genügend Nester mit bunten Vogeleiern, die man nur einzusammeln brauchte. Und wenn man wenigstens ein Ei im Nest liegen ließ, so half das nicht nur der Erhaltung der Vogelart, sondern es gewährleistete auch, dass der Vogel das Nest nicht verließ sondern zusätzliche Eier legte, die man in den nächsten Tagen „ernten“ konnte.
Allerdings konnte es bei großen Vögeln wie Enten, Gänsen und Möwen vorkommen, dass diese ihr Gelege verteidigten. Da wartete man mit dem Sammeln besser, bis die Vögel das Nest verlassen hatten.[3] Man könnte sich aber auch mit einer zweckmäßigen Kopfbedeckung gegen die Angriffe der Vögel geschützt haben. Ein Lederhelm mit Hörnern, wie ihn einst Germanen und Wikinger getragen haben sollen, hätte hier sicher gute Dienste geleistet.
Man kann sich sogar vorstellen, dass die Menschen tatsächlich Nester vorbereitet haben, um die Vögel in die Nähe ihrer Behausungen zu locken, damit man diese später ausnehmen konnte. Bis in jüngste Vergangenheit war es in armen Gegenden üblich, in der Nähe der Häuser Starenkästen aufzuhängen, die man später plünderte und die Jungvögel als Delikatesse verspeiste.
Nun könnte man als Argument gegen die genannten Zusammenhänge anführen, dass sich der Ostertermin von Jahr zu Jahr verschiebt. Aber anscheinend lag der Festlegung eines günstigen Termins zum Eiersammeln die Beobachtung zugrunde, dass sich der Vogelzug an der Mondphase orientiert. Ein Beleg hierfür ist der Spruch der Schnepfenjäger, der den Zeitpunkt der Jagd auf die „Schnepfensonntage“ vor dem Osterfest festlegte:
Reminiscere, putzt die Gewehre.
Dass das christliche Osterfest nicht exakt mit dem jüdischen Passahfest zusammenfällt, spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle. Pessach beginnt immer genau am Zeitpunkt des Vollmonds am 15. Nissan, Ostern fällt auf den Sonntag nach Frühlingsbeginn. Der Name des Osterfestes kann in Zusammenhang damit gesehen werden, dass zum Zeitpunkt der Tag- und Nachtgleiche die Sonne genau im Osten aufgeht. Auch im Englischen gibt es diesen sprachlichen Zusammenhang als „east“ und „easter“.
Ob es in der nordischen Götterwelt eine Frühlingsgöttin namens Ostara oder Eostrae gab, ist dabei nebensächlich. Dieser Name wird lediglich durch den Kirchenhistoriker Beda im Jahr 783 überliefert. Auf jeden Fall scheinen die Menschen schon früh versucht zu haben, die Jahreszeiten genau zu bestimmen – sei es mit dem Steinkreis von Stonehenge oder einem einfachen Sonnenloch, wie man es als „Sacellum“ an den Externsteinen findet.
Doch für viele Vorgänge in der Natur fanden die Menschen keine richtige Erklärung. Und so könnte die Beobachtung, dass zeitgleich mit den Eiern plötzlich junge Hasen auftauchen, dazu geführt haben, dass eine Verbindung gesehen wurde und man den „Osterhasen“ für die Eier verantwortlich machte. Schriftlich erwähnt wird der Eier legende Hase allerdings erst 1682 in der Oberrheingegend.
Doch was weiß eigentlich die heutige Jugend von all den Mysterien, die sich hinter dem Festbrauchtum verbergen? Eine Lehrerin bekam von einem ihrer Schüler einmal die überraschende Antwort: „Wir feiern Ostern, weil Jesus der Osterhase war.“ Auch wenn wir über die Antwort lächeln mögen – kürzer kann man das wirklich nicht zusammenfassen! |