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Zweifellos ist die protestantische Kirche in Rüssingen ein Kleinod für viele Kunstinteressierte. Nicht zuletzt, weil das Gotteshaus aus dem 11. Jahrhundert ein in der pfälzischen Kirchenlandschaft einzigartiger romanischer Türsturz mit typischer Tiersymbolik schmückt. Das heute merkwürdig anmutende Löwe-Drache-Relief gab zu vielerlei Interpretation Anlass.
Das Christentum verwendete zunächst keine plastischen Bildwerke in seinen Versammlungsräumen und Kirchen, um sich bewusst von den anderen Religionen mit ihren Götterbildern abzusetzen. Später änderte sich dies. An den romanischen Kirchen entwickelte sich eine eindrucksvolle Bauplastik; an Türmen und Apsiden, an Portalen und Fenstern und vor allem an liturgischem Gerät sind nun eine Fülle von Pflanzen und Tieren zu finden, die alle aus einer geheimnisvollen Welt zu kommen scheinen und dadurch Angst und Schrecken verbreiten. Alles Angsterregende scheint in Schlangen und Drachen, in Basilisken und Greifen, in Löwen und anderen Tieren verkörpert. Sie schleichen und kriechen an ihre Opfer heran, sie liegen auf der Lauer und bedrohen die Welt der Menschen. Zur Darstellung wird in dieser Zeit sehr häufig die Triasform gewählt. In immer neuen Variationen hat sich folgendes Motiv herausgebildet: Ein Mensch, eine Maske oder das Kreuz als Christussymbol wird von beiden Seiten von je einem Untier angegriffen: Der Angriff des Dämonischen auf das Göttliche, die Bedrohung des Menschen durch das Widergöttliche. Auf den damaligen Menschen übertragen: Das Gefühl des Ausgeliefertseins an das Böse, das Erleiden unsagbarer Ängste bis hin zu den Qualen der Hölle (1) .
Dieses Motiv finden wir auch auf dem Rüssinger Türsturz: Der über der Türöffnung nachträglich abgearbeitete Sturz schließt mit einem profilierten Gesims, das teilweise zerstört ist. Der in flachem Relief gehaltene Schmuck zeigt ein gleicharmiges, an einer dünnen Stange aufgestecktes Kreuz, umgeben von vier Tauben. Von rechts springt ein Drache, von links ein Löwe gegen das Kreuz vor; unter dem Drachen ein Mann mit einem Speer in der Rechten, in liegender Haltung, im Kampf gefallen; am linken Rand zwei Flechtwerkmuster übereinander (2) .
Als Vertreter teuflischer Mächte greifen ein Löwe und ein Drache das Kreuz, das Göttliche, an. Vor allem aber machen sie sich an den Menschen heran. Der Drache ist bereits über den Menschen hergefallen, der sich mit letzter Kraft gewehrt hat, aber schließlich der brachialen Gewalt des Untieres unterlegen ist. Er wurde von dem Bösen regelrecht überrannt. Auf der linken Seite liegt der Löwe auf der Lauer. Der gedrungene Körper wirkt gespannt; mit zornigem Blick, geöffnetem Rachen und seine Pranken zum Zupacken bereit, lauert er auf den richtigen Moment zum Anspringen. Um das Kreuz sehen wir vier Vögel, wahrscheinlich Tauben, geschart. Während in der christlichen Ikonographie die Taube in Verbindung mit der Taufe Jesu („Und da Jesus getauft ward ... siehe, da tat sich der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. Und eine Stimme vom Himmel herab sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“) (3) und somit als Symbol für den Heiligen Geist steht, durfte sie auf unserem Relief für die aufsteigende Seele des besiegten Menschen stehen. Aus den Psalmen („Unsere Seele ist entronnen wie ein Vogel dem Netz der Vogelsteller; das Netz ist zerrissen und wir sind frei“) (4) war den Christen der Vogel als Sinnbild der befreiten Seelen und in Jesus Christus die ewige Ruhe findend bekannt. Das griechische Kreuz kommt in gleicher Form vielfach in romanischer Zeit vor.
Wegen fortschreitender Verwitterung wurde das Relief im Mai 1937 abgenommen. Es befindet sich seitdem im Historischen Museum in Speyer und ist an seinem ursprünglichen Platz durch eine Kopie ersetzt.
(1) Schmidt, Margarethe und Heinrich: Die vergessene Bildersprache christlicher Kunst, München1981, S. 18ff. (2) Röttger, Bernhard H., Busch, Karl und Göring, Max: Die Kunstdenkmäler der Pfalz VII, Bezirksamt Kirchheimbolanden, München 1938, S. 294. (3) Matthäus 3, 16ff. (4) Psalm 124, 7.
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