Gehobene Verhältnisse in Leinsweiler

Gehobene Verhältnisse in Leinsweiler

Die Inschrift erinnert an eine unmöglich erscheinende BaumaßnahmeEine rätselhafte Inschrift erinnert an eine technische Meisterleistung
Die Inschrift am Haus Trifelsstraße 9 in Leinsweiler ist nur schwer zu deuten. Wer sich die Mühe macht, den Text zu entziffern, wird sich fragen, was die Bauherren  G.I. Kopf und Barbara Stübinger veranlasst haben könnte, zusammen mit den Namen der beteiligten Handwerkern die gereimten Zeilen einmeißeln zu lassen:


„… Unmöglich
Keit ist’s sprach der weise Th
or das Haus zu heben vier Fuss
empor; Doch herrlich gelang des
Meisters Kunst und verlachte
 schön des Thoren Dunst
1843“

 

Leider gibt es keine alten Akten, die den Hintergrund des Geschehens erschließen.  Und oberflächlich betrachtet könnte man es dabei beruhen lassen, dass im Jargon der Zimmerleute das Aufstellen des Dachgebälks bzw. das Richtfest als „Hebung“ bezeichnet wurde. Dann macht aber die Angabe „vier Fuß“ – also etwa 120 cm – keinen Sinn. Eine Anhebung des Steingebäudes erscheint zwar unwahrscheinlich, ein Fachwerkrest im Hof ist jedoch ein Hinweis darauf, dass das 1729 errichtete Gebäude ursprünglich ein Fachwerkhaus war. Und eine örtliche Tradition berichtet, dass das Haus so weit im sumpfigen Untergrund eingesunken war, dass der Kelterraum nicht mehr nutzbar war. Aus diesem Grunde wurde das Haus angehoben, damit die Fundamente stabilisiert werden konnten.

 

Für einen solchen Umbau spricht auch die ungewöhnliche Anordnung der Kellerfenster. Üblicherweise sind die Kellerfenster an den alten Gebäuden so angebracht, dass die Oberkante des Fensters ca. 20 cm unterhalb der Kellerdecke liegt. Am Haus Trifelsstraße 9 befindet sich jedoch die Decke des Kelterraums ca. 120 cm oberhalb der Fenster – was ein Beleg für die Anhebung des Gebäudes sein könnte.

 

Inschrift von 1729 am KellerbogenDass eine solche Maßnahme mit den damaligen Mitteln möglich war, wird an zwei Beispielen deutlich: So soll der Zimmermann Peter Carl im Jahr 1611 den gewaltigen Dachstuhl des Dicken Turmes am Heidelberger Schloss so weit angehoben haben dass dort ein Fest- und Theatersaal eingebaut werden konnte. Damals gab es allerdings weder leistungsfähige Winden noch hydraulische Hebeeinrichtungen, wie sie heute in Gebrauch sind. Man verwendete Hebebalken, die nach dem Hebelgesetz funktionierten und an mehreren Stellen gleichzeitig angesetzt werden mussten. Wie solch ein Hebebalken aussieht, kann im Heimatmuseum in Winden (Kreis Germersheim) besichtigt werden.
Um 1900 entwickelte der Stuttgarter Baumeister Erasmus Rückgauer ein System der Haushebung, mit dem auch massive Steinbauten gehoben werden konnten. Seine an 80 Objekten erfolgreich praktizierte Methode war so zuverlässig, dass er angeblich dem Gastwirt „Zum Hirschen“ in Nagold zusicherte, man könne während der Baumaßnahme in der Gaststube tanzen. Dass am 5. April 1906 tatsächlich getanzt wurde, wird von Zeitzeugen allerdings bestritten. Jedenfalls war während der Haushebung der Wirtschaftsbetrieb weiter gegangen. Und an diesem Tag war die Gaststube voller Menschen, die sich als „gehobene Gesellschaft“ fühlten und den Abschluss der Baumaßnahme feiern wollten. Doch bei der Hebung des 650 Tonnen schweren Gebäudes mit 85 Winden entstanden Risse und Verschiebungen. Möglicherweise erfolgte die Hebung, bei der überwiegend Freiwillige aus den örtlichen Vereinen mitwirkten, nicht gleichmäßig genug, so dass das Gebäude um 12:45 Uhr in sich zusammen brach. Von den rund 100 Arbeitern und 100 Gästen fanden 53 den Tod.

 

Mit dieser „Hirsch-Katastrophe“ kamen sechs Jahre vor der Titanic-Katastrophe große Zweifel an der vermeintlich unfehlbaren modernen Technik auf. Und mit dem Tod von Erasmus Rückgauer im 1907 geriet die Technik der Haushebung wieder in Vergessenheit – und erst in der jüngsten Vergangenheit hat man sich mit modernen Gerätschaften an derartige Herausforderungen gewöhnt.

 

Historischer Hebebalken der Zimmerleute im Heimatmuseum in WindenWenn es im Jahr 1843 den Baumeistern I. Bernhart aus Pleisweiler und I.K. Specht aus Ilbesheim zusammen mit dem Maurer Nicolaus Knoll aus Leinsweiler gelungen ist, eine derartige Haushebung erfolgreich durchzuführen, so muss das den Zeitgenossen tatsächlich als ein technisches Wunder erschienen sein. – Und interessant wäre es zu wissen, ob es auch anderswo in der Pfalz Belege oder Hinweise auf Haushebungen gibt.

 

 

 

Quellen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Erasmus_R%C3%BCckgauer
http://de.wikipedia.org/wiki/Hirsch-Katastrophe
Schwobablättle April 2002, S. 6
Der Hauseinsturz in Nagold. Landauer Anzeiger Nr. 84, 9.4.1906
Magische Maschinen, Salomon de Caus’ Erfindungen für den Heidelberger Schlossgarten 1614–1619. Polichia-Sonderveröffentlichung Nr. 12, Neustadt a.d. Weinstraße o.J., S. 41.
http://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Carl_(Baumeister)