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| Der „pfälzische Hai“ Lebachacanthus als Kannibale |
| Autor: Ulrich H. J. Heidtke (www.pollichia.de) |
Der mögliche Kannibalismus der Gattung Lebachacanthus (Chondrichthyes: Xenacanthida) aus der Meisenheim-Formation (Unteres Rotliegend, Unteres Perm) des südwest- deutschen Saar-Nahe-Beckens wird untersucht und anhand einiger Fundstücke dokumentiert. Die Nahrungsnetze ausgewählter Fundschichten innerhalb des permokarbonischen Saar-Nahe-Beckens wurden in den letzten Jahren mehrfach untersucht (z.B. BOY, 1998; BOY & SCHINDLER, 2000; BOY, 2000; KRIWET et al.,2008). Im Rahmen dieser Untersuchungen wurde die Möglichkeit des Kannibalismus weitgehend vernachlässigt. Lediglich BOY, 1998: Abb. 3A weist darauf hin, dass Lebachacanthus aufgrund des Inhaltes von Koprolithen als Kannibale zu betrachten ist.
Aus dem Unteren Rotliegend des Saar- Nahe-Beckens kennen wir aus dem fossilen Belegmaterial fünf Gattungen xenacanthider Haie: Lebachacanthus, Orthacanthus, Xenacanthus, Triodus und Plicatodus. Hiervon sind Orthacanthus und Plicatodus nur durchwenig Zahnmaterial belegt, während die anderen Gattungen durch teilweise zahlreiche Skelette nachgewiesen worden sind. Lebachacanthus repräsentiert mit Gesamtlängen bis zu nahezu drei Metern die größten Xenacanthiden weltweit. Die Gattung wurde erst vor wenigen Jahren auf der Basismorphologischer Unterschiede von Orthacanthus abgetrennt (SOLER-GIJON,1997) und im Anschluss von einigen Autoren noch einige Jahre als Subgenus zu Orthacanthus geführt (zuletzt HEIDTKE, 2007: 208). Zwischenzeitlich ist die Gattung Lebachacanthus international anerkannt und in Gebrauch. Bis jetzt war aus dem Saar-Nahe-Becken die Art Lebachacanthus senckenbergianus beschrieben, die sich jedoch als Sammelart heraus gestellt hat und nunmehr in drei Arten separiert worden ist (HEIDTKE, im Druck).
A) Ein Speiballen von Lebachacanthus (Abb. 1) durchsetzt mit Zahnfragmenten von Lebachacanthus aus der mittleren Meisenheim- Formation (M5 Hoferhof-Bank) vom HSpeiballen entsprechen in etwa den Gewöllen heutiger Greifvögel, es sind unverdauliche Nahrungsteile, die ausgewürgt werden. Nach dem heutigen Kenntnisstand dürften alle im Saar-Nahe- Becken gefundenen Speiballen von Xenacanthiden verursacht worden sein. In dem hier in Rede stehenden Exemplar sind die sichtbaren Zahnspitzen merklich angedaut, d.h. ihrer Oberfläche fehlt die übliche Glätte, die Einwirkung der sauren Magensäfte ist augenscheinlich. Die vitale Körpergröße beider beteiligter Tiere („Fressender“ und „Gefressener“) bleibt offen.Im Rahmen dieser Neubearbeitung wurde auch Hinweisen nachgegangen, wonach sich Lebachacanthus auch als Kannibale ernährt hat. Das zu dieser Hypothese gefundene Beweismaterial soll hier vorgestellt und kurz diskutiert werden: B) Mageninhalt von Lebachacanthus (Abb. 2) bestehend aus einer Vielzahl von Einzelzähnen (offensichtlich ein komplettes Gebiss) eines nur wenig kleineren Exemplars von Lebachacanthus aus der Meisenheim-Formation (M4 Breitenheim-Bank) des aufgelassenen Gemeindesteinbruchs von Breitenheim bei Meisenheim am Glan im Kreis Bad Kreuznach; POL-F 1988/1 PDC-348,Sammlungen der POLLICHIA im Urweltmuseum Geoskop auf Burg Lichtenberg.Der einzige bekannte Mageninhalt aus der Gattung, dessen Hartteile in Gänze aus Lebachacanthus-Zähnen bestehen. Erstaunlich ist, dass die Zähne des Exemplars kaum größer sind als die Einzelzähne im Mageninhalt, was bedeutet, dass der Größenunterschied zwischen den beiden Tieren gering war. C) Schädel, Kiemenkorb und vorderster Rumpfabschnitt von Lebachacanthus (Abb. 3) aus der Meisenheim-Formation (M5 Geisberg-Bank) vom Geisberg bei Rockenhausen im Donnersberg-Kreis; UHC-P 1065, Slg.Heidtke. In der (nicht überlieferten) Speiseröhre und in Richtung zur vermuteten Lage des Herzbeutels steckt der Dorsalstachel eines weiteren Exemplars von Lebachacanthus. Das hier überlieferte Tier hat offenbar vergeblich versucht, den in das Gewebe eingedrungenen Stachel hervor zu würgen, denn es handelt sich um das einzige bekannte Exemplar mit offen stehender Mundspalte.Der stecken gebliebene Dorsalstachel eines anderen Tieres war vermutlich todesursächlich. Ob der Stachel bei versuchtem Kannibalismus, bei einem sog. Paarungsbiss in die Kiemen-/Schultergürtelregion oder durch aggressive Bissigkeit verschluckt worden ist, bleibt offen. Bei den Stücken A) bis C) bleibt offen, ob die gefundenen Überreste von vitalen Tieren oder von Kadavern stammen; für die Aussage des Kannibalismus bleibt dies unerheblich. D) Hinterer Körperabschnitt mit Schwanzflosse von Lebachacanthus (Abb. 4) aus der Meisenheim-Formation (ob.M6) vom „Hörnchen“ (Gewanne Wegscheid) bei Niederkirchen im Kreis Kaiserslautern; UHC-P 0100 Slg. Heidtke. Der Rest stammt von einem juvenilen Exemplarmit einer interpolierten Gesamtlänge von etwa 100 cm. Der Körper ist glattrandig mit einem Biss durchtrennt. Nach dem Fossilbestand der Fundstelle bei Niederkirchen kommt als Angreifer nur ein großes Exemplar von Lebachacanthus in Frage. Der Angriff erfolgte augenscheinlich auf das lebende Jungtier, da der gefundene Rest keinerlei Anzeichen von Verwesung pp. zeigt. Unterhalb der Schwanzflosse ist ein isolierter (heraus gebrochener) Einzelzahn eines großen Exemplars von Lebachacanthus überliefert, der hypothetisch mit dem Biss in Verbindung stehen könnte.Zusammenfassend ist evident, dass eindeutige Beweise für den Kannibalismus bei Lebachacanthus gefunden wurden. Der große Süsswasserhai aus dem Unteren Rotliegend des Saar-Nahe-Beckens weicht trotz eines Alters von knapp 300 Millionen Jahren nicht vom generellen Verhaltensmuster seiner modernen Verwandten ab.
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