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Die fetten Jahre sind noch nicht vorüber - Wirtschaft und Landwirtschaft
Autor: Stefan Schaupp   

Jenseits aller städtischen Hektik spielt sich das Leben 1960 in Reifenberg, zwischen Landstuhl und Zweibrücken gelegen, ab. Ein Bauer und der Gemeindediener, der in früheren Zeiten die Bewohner mit örtlichen Bekanntmachungen versorgt hat, kehren wohlgelaunt von ihrer Arbeit zurück.Den Wirtschaftspolitikern der letzten Jahre traten beim Klang der Worte ›Binnennachfrage‹ und ›Konsumfreude‹ Sorgenfalten auf die Stirn. Ihre Vorgänger in den sechziger Jahren jedoch lächelten zufrieden, wenn sie einen Blick auf die Statistik warfen. Die viel zitierten Versprechungen vom »Wohlstand für alle« und einem Kühlschrank in jedem Haushalt aus der Wirtschaftswunderzeit der fünfziger Jahre wurden bekanntlich Realität.  In der Zeit nach 1960 sollte es noch besser kommen: 1966 verfügten über 90 % aller Haushalte über ein Radiogerät. In immer mehr Wohnzimmern stand ein Fernsehapparat, zum Teil sogar schon in Farbe, und die Wäsche musste nicht mehr von Hand erledigt werden, sondern kam einfach in die Waschmaschine.

Eine ähnliche Entwicklung gab es beim Bestand an Personenkraftwagen, der in der Zeit zwischen 1960 und 1966 um mehr als das Doppelte anstieg. Infolgedessen ließ sich das Problem der Arbeitslosigkeit bald beheben, und Ende der sechziger Jahre herrschte Vollbeschäftigung. Der Bedarf an Arbeitskräften wuchs sogar so stark, dass man sich Verstärkung aus dem Ausland holen musste. Anwerbeverträge mit Ländern Südeuropas sollten den Mangel an Arbeitern beheben. Im Jahr 1970 lebten ca. 36 000 Ausländer in der Pfalz, vor allem in den Industriezentren Frankenthal, Ludwigshafen und Kaiserslautern. Anfänglich etwas misstrauisch und ungelenk als »Gastarbeiter« tituliert, halfen diese Menschen mit, den Wohlstand zu sichern, und arbei ter« tituliert, halfen diese Menschen mit, den Wohlstand zu sichern, und bereicherten zudem die Gastronomie und Kultur.

 

Trotz des enormen Arbeitskräftebedarfs blieb der Anteil erwerbstätiger Frauen immer noch recht gering, was in erster Linie gesellschaftspolitische Hintergründe hatt e. Zwar stieg die Erwerbsquote verheirateter Frauen im Vergleich zu den fünfziger Jahren von etwas über 25 % auf über 36 %, der bevorzugte Arbeitsplatz der Frau sollte aber – zumindest aus Sicht vieler Männer – der Herd bleiben.

 

Die Wirtschaftsleistung der Pfalz blieb dominiert von der chemischen Industrie. Die BASF konnte ihren Umsatz zwischen 1960 und 1974 vervierfachen und verzeichnete hohe Gewinne. Neue Industriezweige kamen jedoch hinzu. 1965 wurde der erste LKW im neu errichteten Daimlerwerk in Wörth fertiggestellt, und 1964 entschied die Opel-AG, in Kaiserslautern ein Zuliefererwerk zu errichten, das zum größten Arbeitgeber der Westpfalz wurde. In anderen Bereichen wehte den Unternehmen allerdings schon recht früh der Wind ins Gesicht. Die zur Textilindustrie zählende Kammgarnspinnerei in Kaiserslautern und die Lampertsmühle in Erfenbach verzeichneten schon Ende der fünfziger Jahre rückläufi ge Gewinne, und auch die Schuhbranche in der Gegend um Pirmasens sah sich mit billigen Importprodukten konfrontiert, die die einheimische Produktion beeinträchtigten. Zwar stellte die pfälzische Schuhindustrie Anfang der sechziger Jahre ein Dritt el des bundesrepublikanischen Bedarfs her, doch schon zehn Jahre später wurden über 50 % aller Schuhe importiert, sodass hier eine dramatische Verschlechterung eintrat.

 

Ruhig und gemächlich geht es auch in Gimmeldingen zu. Im Schatten der berühmten Mandelblüte steuert dieser Winzer sein Gespann in Richtung Lobloch. Während Ackerbau und Viehzucht im Rückgang begriffen sind, steigt zwischen 1960 und 1970 die Rebfläche in der Pfalz von 16 000 auf 19 000 Hektar an.Während die industrielle Produktion zunächst noch wuchs, sah sich die Landwirtschaft einem Strukturwandel unterworfen, der bereits in den fünfziger Jahren seinen Anfang genommen hatt e. Trotz einer stetig wachsenden Einwohnerzahl – die Bevölkerung der Pfalz stieg bis 1970 im Vergleich zum Kriegsende um ungefähr 30 % – ging die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe drastisch zurück. Harte Feldarbeit lohnte sich immer weniger, obwohl Maschinen den Alltag der Landwirte erleichterten. 1971 wurden knapp über 27 000 landwirtschaftliche Betriebe gezählt, weniger als die Hälfte im Vergleich zur unmitt elbaren Nachkriegszeit. Dass hierbei Eff ektivität im Vordergrund stand, zeigt ein Blick auf die Betriebsgrößen. Die Zahl der Höfe mit mehr als 20 Hektar Nutz fl äche stieg im genannten Zeitraum um mehr als das Vierfache, wohingegen viele kleinere Betriebe aus Rentabilitätsgründen aufgegeben werden mussten. Besonders stark betroff en von dieser Entwicklung war die Westpfalz, wo 1950 noch über 35 000 Betriebe existierten, 1971 jedoch nur noch 10 500. In der Vorderpfalz dagegen war zwar ebenfalls ein Rückgang zu verzeichnen, der aber nur etwas mehr als die Hälfte der Betriebe betraf.

 

Während also viele Landwirte den Pfl ug im Stall ließen und fortan eine Maschine in einer Fabrik bedienten, hatt en die Winzer gut lachen. Die Rebfl ächen stiegen zwischen 1960 und 1975 von etwas über 16 000 Hektar auf über 20 000 Hektar, und auch die Erträge wurden höher. Den Weinbauern kamen dabei auch technische Neuerungen zugute. Erforderte in den fünfziger Jahren die Bewirtschaftung von einem Hektar Rebland 1000 Arbeitsstunden im Jahr, so reduzierte sich dieser Aufwand bis 1975 um die Hälfte, bei einer gleichzeitigen Ertragssteigerung.

 

Wer jedoch der Meinung war, der wirtschaftliche Aufschwung würde sich ungebremst fortsetz en, sah sich bald getäuscht. Erste Gewitt erwolken verdunkelten den Horizont. Nach einer leichten Wirtschaftskrise im Jahr 1967 setz te 1973 die erste Rezession der Bundesrepublik ein – bedingt durch die Ölkrise erlahmte die Hochkonjunktur der Nachkriegszeit. Bald stieg die Zahl der Arbeitslosen bundesweit auf über eine Million, die Lebenshaltungskosten gingen insbesondere durch die hohen Benzin- und Ölpreise rapide in die Höhe. Gänzlich unbeeindruckt davon zeigten sich die Gewerkschaften. Nachdem die Infl ationsrate auf acht Prozent gestiegen war, forderte die ÖTV (Vorläufer der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di) 15 % mehr Lohn. Auch in der Pfalz streikten die Arbeitnehmer der Verkehrsbetriebe und der Verwaltungen und halfen damit, im Februar 1974 elf Prozent mehr Lohn durchzusetzen.

 

Die fetten Jahre aber neigten sich ihrem Ende entgegen. Wenn auch der Staat in Form von Wohn- und Erziehungsgeld, BAFöG oder Bildungsurlaub seine Sozialleistungen ausbaute, gehörte der Traum vom ›Wohlstand für alle‹ schon bald der Vergangenheit an

 

Das Buch zum Bericht

wirtschaftswunder_oelkrise.jpgStefan Schaupp
Zwischen Wirtschaftswunder und Ölkrise
186 Seiten, 156 s/w-Abb., 21 x 20 cm, geb. 22,00 €
Erschienen im G-Braun Verlag, Karlsruhe
ISBN 978-3-7650-8366-2

Die Pfalz von 1960 bis 1975. Auf ganz besondere Weise dokumentieren Zeitungsfotos aus den 1960er und 70er Jahren das damalige Leben in der Pfalz und den (noch) ungebrochenen Fortschrittsglauben.


Erhältlich im Buchhandel oder direkt über den G.Braun-Buchverlag, Karlsruhe Zum Shop

 

 
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