Home Brauchtum Der Reithaken – ein vergessenes Küferwerkzeug

Autoren - Login

Als Autor haben Sie Zugang zu Ihren Beiträgen und Daten.



Besucher

heute19
gestern705
Besucher bisher524405

Newsletter abonieren?


Name:

eMail:

RSS der Heimat-Pfalz
Heimat-Pfalz
Follow us on Twitter
Der Reithaken – ein vergessenes Küferwerkzeug
Autor: Rudolf Wild, Annweiler   

Typisches Küferzeichen in HainfeldBei den Handwerkszeichen der Küfer werden in der Regel zwei gekreuzte Haken dargestellt, die im Pfälzischen Wörterbuch als „Reithaken“ bezeichnet werden.[1] Im Landkreis Südliche Weinstraße lässt sich dieses Symbol als Handwerkszeichen der Küfer an rund 100 Gebäuden nachweisen. Ergänzt werden diese Haken in der Regel durch den Küferhammer (Schlegel) und/oder ein Fass. (Mit "Küferschlegel" kann ein Holzhammer gemeint  sein, aber auch ein Hammer mit unterschiedlich ausgerichteten Finnen, wie er zum Losklopfen des Weinsteins im Fass verwendet wird).

 

Der Reithaken besteht aus einer rechteckigen Eisenstange, die in einer Krümme endet und einem darauf sitzenden beweglichen Läufer (= „Reiter“?). Diese Haken sind heute bei den Küfern weitgehend in Vergessenheit geraten und auch der Name „Reithaken“ ist kaum bekannt. (Reinhard Wolf aus Marbach weist darauf hin, dass zwei vor Jahren verstorbene Küfer den Begriff "Hebetse" verwendeten, der mit "Heben" =schwäbisch für Halten verwandt ist.)  Dabei war dies ein unentbehrliches Werkzeug, das bei der Herstellung von Fässern vermutlich für mehrere Arbeitsvorgänge verwendet wurde.

Azzola beschreibt den Reithaken als Gerät zum Ausrichten eines Fasses. Diese Funktion ist im Weinbaumuseum Oppenheim modellhaft nachgestellt und wurde durch ein Foto mit extremem Weitwinkel-Objektiv belegt.[2] Die von mir befragten Küfer kannten diese Anwendung nicht, hierfür wird heute anscheinend ein besonderer „Zughaken“ verwendet, der anstelle des Reithakens in die Eisenkette eingehängt wird. Hinzu kommt, dass nach seiner Beschreibung beim Zusammenbau des Fasses die erste Daube mit einer Schraubzwinge am „Setzreifen“ befestigt wird. Zu der Zeit, als der Reithaken verwendet wurde, dürfte es allerdings noch keine Schraubzwingen gegeben haben, so dass hier der Reithaken in einer weiteren Form zur Anwendung gekommen sein könnte. Der Haken eignet sich nämlich auch als Spannvorrichtung, und wenn man den Läufer ganz nach vorn schiebt, kann man (theoretisch) die Daube am Reifen fixieren. Durch einen leichten Hammerschlag auf den Läufer lässt sich dabei der Klemmvorgang festigen oder wieder lockern. In dieser Form könnte der Reithaken bei den Küfern als Vorläufer der Schraub- oder Leimzwingen gedient haben.

 

Reifenzange zum Aufziehen des Kopfreifens, Historisches Museum SpeyerEin altes Handbuch des Handwerks[3] bezeichnet den Haken dem gemäß als „Bandzange“. Dieser Name könnte aber auch Hinweis sein auf eine weitere Funktion, nämlich als Hilfe beim Aufziehen des äußersten Reifens, wie es bei einer Küferszene aus St. Martin (Pfalz) dargestellt ist.[4] „Der Küfer Karl Schneider und sein Vater Ludwig Schneider in St. Martin, Übergasse 38, mit dem Aufsetzen eines Fasses beschäftigt“. Auch wenn diese Tätigkeit heute mit einem Werkzeug erfolgt, wie es auch als „Felgenzange“ von den Wagnern zum Aufziehen der Eisenfelge auf das Wagenrad verwendet wurde, so hat der Küfer Hans Getto aus Schweighofen diese Funktion bestätigt. Und er bezeichnet daher den Reithaken als „Reifzange“.[5]

 

Darstellung des Küfer- oder Büttnerhandwerks aus dem Jahr 1563Interessanterweise findet man eine weitere Anwendungsmöglichkeit in einer mittelalterlichen Darstellung des Büttner-Handwerks. Auf einem Holzschnitt von Jost Amman ist der Haken im Hintergrund zu erkennen.[6] Hier wird der Haken eingesetzt, um beim Aufziehen des Kopfreifens den Reifen mit dem Läufer zu fixieren – wobei die Krümmung an einem anderen Reifen eingehängt ist. Die Art der Darstellung lässt vermuten, dass damals die Fassreifen noch auch Holz hergestellt wurden.

 

Reithaken und LieschhakenEtwas anderer Meinung ist Gottfried Decker aus Frankweiler, der einer alten Küferfamilie entstammt. Er bezeichnet den Haken als „Lieschhaken“. Zum Abdichten des Fasses mit Liesch – das aus dem im Sumpf wachsenden Rohrkolben (Typha latifolía) oder dem Lieschgras (Phleum pratense) gewonnen wurde – hob man eine einzelne Daube mit der Krümmung ab, indem man den Läufer auf die Nachbaudaube setzte und das Ende der Krümmung als Hebel benutzte. Für kleinere Fässer benutzte man einen anderen „Lieschhaken“, nämlich ein Gerät mit Hufeisenförmiger Krümmung, bei dem in der Mitte der Krümmung ein langer Hebel angeschweißt ist. Die Dauben werden durch Abknickungen am Ende der ca. 15 cm breiten Krümmung in die gewünscht Position gebracht.

 

Recht gut ist eine Beschreibung des Handwerkszeichens aus dem Elsass:[7] … zwei spezielle Werkzeuge der Küfer. Man erkennt den gekrümmten Holzhammer und über Kreuz zwei Eisenklammern, eine Art von Zwingen mit verschiebbarem Stück, das man zur Montage der Dauben verwendete. Diese Anordnung der Handwerkszeichen in einem Wappenstein hat sich im Lauf der Zeit praktisch nicht verändert.

 

Leider gibt es heute kaum noch alte Küfer, die man befragen kann und so bin fast so schlau wie vorher. Es wäre daher sicher interessant, welche Vorstellungen und Erinnerungen die Küfer anderer Regionen mit dem „Reithaken“ verbinden.




[1] PfWB 1987-1993, Bd. V, Sp. 498: Gerät des Küfers zum Auseinanderhalten und zum Zusammenziehen der Faßdauben beim Abdichten mit Liesch', ...
vgl. Friedrich Mößinger: Odenwälder Handwerkszeichen. Heppenheim 1961, S. 24

[2] Azzola, Friedrich Karl / Hartmann, Ludwig: Der Reithaken: zur Funktion und Ikonographie eines historischen Küferwerkzeugs. Oppenheimer Hefte Band 17, 1998 Seite 57-62

[3] Fougeroux von Bandaroy, Schauplatz der Künste und Handwerke …, hg.: Joh. Heinr. G. von Justi. o.O., 1765, „Die Böttgerkunst“; Abbildung im Freilichtmuseum Bad Sobernheim, Kelterhaus Bruttig.

[4] Durch die Pfalz. Ein Heimatbuch von Karl Fries – 2. Band 1926, S. 74 / Foto von Barth, © Stadtarchiv Speyer.

[5] Vgl. Friedrich Karl Azzola und Ludwig Hartmann: Die Reifenzange – ihre Funktion und Handhabe. in: Der Odenwald. H. 3 / 2009, S. 119

[7] Claude Jérôme Les emblèmes de métiers conservés à Saverne. Pays d'Alsace No 212 III 2005, 17-20.
... deux outils spécifiques du tonnelier. En pal, on reconnaît le maillot courbe et en satoir deux daviers, sortes de serrejoints à pièce coulissante utilisée lors du montage des douves. Cette disposition de l'outillage dans le blason n'a pratiquement jamais varié dans le temps.
Das Lexikon Larousse umschreibt "davier": Barre de fer terminiée par un crampon, utilisée en menuiserie – ein Eisenstab, der in einer Klammer endet und in der Schreinerei verwendet wird.

 
JoomlaWatch Stats 1.2.8b by Matej Koval