Als der noch Storch die Kinder brachte

Als der noch Storch die Kinder brachte

Rudolf Wild - Das Osterbrünnel am Rothenberg bei WernersbergFast jedes Dorf hatte früher seinen Kindelsbrunnen
Während in den Talauen östlich von Landau der Weißstorch wieder heimisch geworden ist, ist längst in Vergessenheit geraten, dass es auch im Raum Annweiler ausgedehnte Queichwiesen gegeben hat, in denen Störche vorgekommen sind.

 

So zeigt ein Foto aus dem Jahre 1903 die alte Gendarmerie zwischen Pfarrhaus und Stadtkirche, wo es auf dem Dach ein Storchennest gab. Die weißen Hinterlassenschaften auf der Dachfläche belegen, dass das Nest damals noch benutzt wurde. Und von Queichhambach wird berichtet, dass sich um 1900 ein Storchennest auf dem Kirchendach befunden haben soll.


Wegen des Klapperns, das die Vögel regelmäßig ertönen ließen, bezeichnete man sie als „Klapperstörche“. Und die Kinder, die damals noch nicht über die Biologie von Zeugung und Geburt aufgeklärt wurden, glaubten allen Ernstes, dass der Storch die die kleinen Kinder bringen würde. Aber Kinder sind bekanntlich neugierig und wollen so etwas genauer wissen. Und so blieb die Frage zu klären, wo denn der Storch die Kinder herholte.

 

So erzählte man die Geschichte, der Storch würde die Kinder aus einem Brunnen oder aus einer Quelle herausholen. Das alte Wort „Born“ für eine Quelle hat schließlich etwas damit zu tun, dass hier etwas „geboren“ wird – und wenn es nur ein Wasserlauf ist. Das Murmeln des Wassers erklärte man damit, dass dies von den Kindern stammen würde, die in der Tiefe darauf warten, vom Storch herausgeholt zu werden. Der Volkskundler Albert Becker berichtet 1925, dass fast jeder Ort früher seinen Kindelsbrunnen hatte, aus dem die kleinen Leute kommen, wenn sie uns der Storch bringt und dabei die Mutter „ins Bein beißt“.

 


Auf die bevorstehende Geburt wurden die älteren Kinder vorbereitet, indem sie aufgefordert wurden, sie sollten ein Stück Zucker auf das Fensterbrett legen, um den Storch anzulocken. Wenn sich nun das Geschwisterchen wünschte, der Storch würde ein Schwesterchen oder ein Brüderchen bringen, konnte es allzu leicht vorkommen, dass das passende Geschlecht gerade nicht im Brunnen vorhanden war oder der Storch den Wunsch nicht richtig verstanden hatte.

 

Böse Zungen behaupteten gar, nur männliche Störche seien imstande, Kinder zu bringen. Die Weiber seien nämlich nicht in der Lage, ihren Schnabel zu halten!

 

In Wernersberg erzählt man, der Storch habe die Kinder beim Osterbrünnel am Rothenberg geholt. Bei der Renovierung des Brunnen hat man zur Erinnerung an diese Geschichte eine Steinplatte mit der Abbildung eines Storches angebracht. Darunter kann man mit etwas Mühe die Inschrift entziffern „Es ist eine alte Mär – von hier kommen die kleinen Kinder her“. Und am Brunnentrog wurden ein paar schreiende Babys eingemeißelt.

 

In Annweiler bezeichnete man den Brunnen in der Nachtweide als Kindelsbrunnen. Der Brunnen wurde bei einem schweren Bombenangriff am 6. Januar 1945 zerstört. Im Jahre 1996 wurde er durch private Initiative und großes ehrenamtliches Engagement neu gestaltet und in den jetzigen Zustand versetzt. Dort entspringt das Wasser in einem kleinen Stollen, der durch ein Gitter abgesperrt werden musste, um ihn vor Verunreinigung zu schützen.

 

In Ramberg kamen die Buben aus dem Brunnen des bösen Scharfeneckers und die Mädchen von der Ramburg, wo im Keller  ein schwarzer Hund vor einer großen Kiste sitzt – da kommen sie her.
Bei Gommersheim wird an dem nahe dem Kindelsbrunnerhof gelegenen uralten Kindelsbrunnen noch jährlich ein Volksfest gefeiert, bei dem an altes Brauchtum in Zusammenhang mit Sagen um die Herkunft der kleinen Kinder erinnert wird.

 

In Edesheim konnte man die kleinen Kinder im Kindelsbrunnen sogar riechen, sie kamen nämlich aus dem Erlenbrunnen, einer stinkigen Schwefelquelle. Dort scheint sogar der Mythos noch heute präsent zu sein: Als vor ein paar Jahren die Feuerwehr den Brunnen reinigte, stiegen drei Feuerwehrmänner in den Schacht – und alle drei sollen kurz darauf Vater geworden sein!

 

In Speyer kamen die Kinder aus dem Tafelsbrunnen, der östlich der Straße Speyer–Berghausen beim Wasserwerk der Stadt Speyer liegt. Der Name soll von St. Afra abgeleitet sein.

 

Bei Bindersbach war die Rehbergquelle der Kindelsbrunnen. In Rinnthal war es das "Wasserhäusel" am Dingentalkopf, das dem Bau der B 10 zum Opfer gefallen ist. Und in Schifferstadt kamen die kleinen Kinder aus dem Queckbrunnen.

 

Aber vielleicht gibt es in anderen Dörfern noch weitere alte Erinnerungen und Anekdoten, wie sie früher im Zusammenhang mit dem Klapperstorch erzählt wurden.

 

 

Weitere Infos:
Eine verkürzter Form dieses Textes wurde veröffentlicht in: Die Rheinpfalz, Beilage Marktplatz regional, Ausgabe Bad Bergzabern, 3.11.2010
Albert Becker: Pfälzer Volkskunde, Bonn 1925, S. 109