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Auf den Spuren seltsamer Sternsingerbräuche
Autor: Rudolf Wild, Annweiler   

Sternbuben aus dem Gossersweiler Tal besingen die Ankunft des Herrn, Holzschnitt von Otto KörnerWas es so alles nicht mehr gibt …

Wenn jetzt wieder die Sternsinger durch die Straßen ziehen, dann berufen sie sich auf altes Brauchtum und sammeln Geld für Entwicklungshilfeprojekte, um Not leidende Kinder in fernen Ländern zu unterstützen. Ihre Gestalten erinnern an die drei Könige, die einst zum Stall von Bethlehem gepilgert sind, um das Jesuskind anzubeten. Dabei wird in der Bibel weder die Dreizahl genannt noch dass es Könige waren. [1] Es wird viel mehr von Magiern oder Sterndeutern gesprochen, die aus dem Morgenland kamen. Der Holzschnitt, in dem Otto Körner die Wasgauer Sternbuben darstellt,[2]erinnert daher auch nicht an Könige, denn die Buben tragen hohe Mützen, die eher an die Zauberer der Märchen oder an babylonische Priester erinnern.

An den Häusern schreiben die Sternsinger geheimnisvolle Zeichen mit Kreide über die Tür. Die drei Kreuze waren in ihrer ursprünglichen Funktion ein mythisches Zeichen, das zur Abwehr von Hexen und bösen Geistern dienen sollte. Das Christentum interpretiert sie als ein Segenszeichen und als Symbol des dreieinigen Gottes. Die Buchstaben C M B werden meistens als die Namen der drei Könige gedeutet – nämlich Caspar, Melchior und Balthasar – doch diese Namen kennt man erst seit dem 8. Jahrhundert. Tatsächlich handelt es sich bei den drei Buchstaben um die Anfangsbuchstaben der lateinischen Segensformel „Christus mansionem benedicat“ – zu deutsch „Christus segne dieses Haus“.

Am 6. Januar waren früher noch andere Bräuche üblich. So musste in manchen Gegenden das Vieh fasten, damit es vor Krankheiten geschützt war.[3] Und das morgens in den Kirchen geweihte „Dreikönigswasser“ wurde bei der Zubereitung der Mahlzeiten und des Viehfutters als Heilmittel beigegeben. Es bewahrte vor hitzigen, inneren Krankheiten und vor bösen Geistern.[4] Der Dreikönigstag steht am Ende der Rauhnächte „zwischen den Jahren“, in denen früher allerlei Sagengestalten ihr Unwesen trieben. Bis zur Festsetzung des Weihnachtsfestes auf den 25. Dezember um 376 nach Christus, wurde auch Christi Geburt auf Epiphanias gefeiert. Im Volksglauben war dies auch ein Lostag, der den Wetterverlauf des Winters bestimmte. So besagt eine alte Bauernregel „Ist bis Dreikönigstag kein Winter, kommt auch keiner mehr dahinter“.[5]

Sucht man den Ursprung des Sternsinger-Brauchtums, so hängt dies damit zusammen, dass früher oftmals eine große Armut herrschte und gerade im Winter nicht immer genügend Lebensmittel zur Verfügung standen. Und so nahmen die Kinder gern die Gelegenheit wahr, zu bestimmten Festtagen durch die Dörfer zu ziehen, um mildtätige Gaben zu erheischen. Ähnliche Umzüge sind von Neujahr, Fastnacht und dem Lätare-Sonntag überliefert, an dem in machen Ortschaften bis heute der „Sommertag“ gefeiert wird. Die Sternbuben aus dem Gossersweiler Tal sind einst von Dorf zu Dorf gezogen, um ihren Bettelsack zu füllen.[6] Und in einem besonders kalten Winter sollen sogar ein paar Sternbuben in einen Schneesturm geraten und erfroren sein.

Nürnberger Holzschnitt des 17. JahrhundertsDie Sternsinger tragen einen Stern an einer langen Stange mit sich, der an den Stern von Bethlehem erinnern soll und der als * ebenfalls mit Kreide über der Tür angebracht wird. Doch dieser Stern ist auch nicht mehr das, was er früher einmal war. Alte Überlieferungen berichten, dass er früher drehbar angebracht war – und die „Völkische Wissenschaft“ der 30er Jahre brachte dies sogar mit einem germanischen oder nordischen Sonnenkult in Verbindung.[7] Der Pfälzische Volkskundler Lukas Grünenwald gibt 1890 zu einem drehbaren Stern folgenden Hinweis:[8] „Ihren Stern, ein drehbares Rad an langer Stange hat wohl die Polizei aus Haß gegen den Hausbettel verschwinden gemacht, und nur die Lieder … sind noch teilweise in Erinnerung geblieben.“ In einer späteren Schrift macht er genauere Angaben:[9] „Als Stern diente ihnen ein Spinnrädchen auf hoher Stange. Sie drehten das Rädchen mittels einer Schnur rasch im Kreise und sangen dazu ihr Sternelied: Der Stern, der Stern soll herume gehen…“ Abbildungen solcher Drehsterne finden sich als Nürnberger Holzschnitt des 17. Jahrhunderts sowie auf einem Genter Bilderbogen um 1700.[10]

Ein solches Brauchtum soll in weiten Teilen Deutschlands und auch im Elsass verbreitet gewesen sein.[11] Aus Ostpreußen gibt es sogar einen Bericht über einen sehr großen Stern von 2,5 m Durchmesser, der drehbar auf einem hohen Gestell befestigt und von innen beleuchtet war.[12]

Die Sternsinger in einem Genter Bilderbogen um 1700Um einen Stern solcher Dimension herzustellen, braucht man mit Sicherheit ein hohes handwerkliches Geschick. Und vielleicht trägt dieser Beitrag dazu bei, dass einmal versucht wird, einen solchen Stern nachzubauen. Dann könnte ein längst vergessenes Brauchtum wieder neu erweckt werden – auch wenn über dessen Ursprung teilweise nur spekuliert werden kann.

                                                                                                        

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[1]  Matthäus-Evangelium, 2. Kapitel, Luther übersetzt „Weise“.

[2]  Bei August Becker, Die Pfalz und die Pfälzer. – Abgedruckt auch in der Leipziger Illustrierten Zeitung 1885, S. 273

[3]  Ludwig Schandein, Volkskunde, in: Bavaria IV, München 1863, S. 393

[4]  Lukas Grünenwald: Volkstum und Kirchenjahr, Mitt.Hist.V.Pf. 44, Speyer am Rhein 1927, S. 56.

[5]  Horst Malberg: Bauernregeln, ihre Deutung aus meteorologischer Sicht. Berlin, Heidelberg 1989.

[6]  August Becker, Die Pfalz und die Pfälzer.  …Auflage Landau 1988, S. 247

[7]  Friedrich Mößinger, Seltsame Sternsingerbräuche, in:  Germanien 1942, S. 5–13

[8]  Reste alten Glaubens, alter Sitten und Sagen in der Pfalz, in: Pfälzisches Museum 1890, S. 6.

[9]  Volkstum und Kirchenjahr, Mitt.Hist.V.Pf. 44, Speyer am Rhein 1927, S. 57.

[10]  Heurck, Bockoogen, L’imagerie populaire flamande. Brüssel 1910, S. 6.

[11]  Jahrbuch des Vogesen-Clubs, 10. Jg. 1894, 221 (Nordhausen, Kr. Erstein).

[12]  Schnippel, Volkskunde von Ost- und Westpreußen, 2. Reihe 1927, 142.

 
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