Newsletter abonieren?
![]() |
![]() |
![]() |
| heute | 204 |
| gestern | 731 |
| Besucher bisher | 528170 |
| Greiskraut - Die Gelbe Gefahr? |
| Autor: Pollichia (www.pollichia.de) |
|
Greiskräuter in der Pfalz •Die häufigste unserer Greiskraut-Arten ist das Gewöhnliche Greiskraut. •Waldsäume und Schlagfluren mit einem Schwerpunkt in der West- und Nordpfalz besiedeln das Klebrige, das Wald- und das Fuchs-Greiskraut (Senecio viscosus, S. sylvaticus, S. ovatus). •Nur zerstreut in wechselfeuchten bis nassen Wiesen wächst das Wasser-Greiskraut (Senecioaquaticus). Die seltenste der Greiskraut-Arten ist das Sumpf-Greiskraut (Seneciopaludosus) der Pfeifengraswiesen und Schilfröhrichte am Rhein, selten auch auf den Schwemmfächern. •Schließlich gibt es auch zwei neophytische Arten: Das Frühlings-Greiskraut (Seneciovernalis) ist in den meisten Teilen der Pfalz seit Jahrzehnten häufig, vor allem an Straßenrändern und in bodentrockener Ruderalvegetation. Seit den 1990er Jahren zählt die Ausbreitung des südafrikanischen Schmalblättrigen Greiskrauts (Senecioinaequidens) zu den auffälligsten Veränderungen unserer Flora; sie ist durch die klimatische Erwärmung begünstigt.
Als die giftigsten Arten gelten das Jakobs-Greiskraut, das Raukenblättrige Greiskraut und das neophytische Schmalblättrige Greiskraut. In einzelnen Quellen wird aus diesem Trio das Raukenblättrige Greiskraut als vergleichsweise harmloseste Art angegeben, bei den meisten Angaben wird aber zwischen den genannten Arten kein Unterschied gesehen.
Ausbreitung der Greiskräuter?
•So berichtet Dr. Hans Reichert (Trier) von einer größeren Häufigkeit des Jakobs-Greiskrauts in Pferdeweiden. Die Pferdehaltung habe in neuerer Zeit stark zugenommen,und nicht alle Pferdehalter verfügten über die nötige Fachkenntnis. Wenn durch Überbeweidung die Grasnarbe beschädigt werde, so entstünden ideale Bedingungen für die Ansiedlung der Greiskräuter. Mancherorts hätten sich dadurch Massenbestände gebildet. •Dr. Peter Keller (Landau) kennt einzelne Stellen, wo sich die Bestände des Jakobs-Greiskrauts auffällig vergrößert haben.Wo vor einigen Jahren nur Einzelexemplare standen, seien es jetzt größere Trupps. •Dr. Walter Lang schreibt, z.B. im Erpolzheimer – Bad Dürkheimer Bruch zeige sich für das Raukenblättrige Greiskraut „eine Tendenz, sich auf Brachen und trockenen, nicht zu frühzeitig gemähten Wiesen zu etablieren“. •Robert Fritsch (Idar-Oberstein) beobachtete im Nahegebiet, dass das Jakobs- und das Raukenblättrige Greiskraut von der Zunahme von Grünlandbrachen profitiert haben und dadurch eine dichtere Besiedlung des Raums entstanden ist. •Otto Schmidt (Kaiserslautern) meldete eine Beobachtung bei Siegelbach, wo das Raukenblättrige Greiskraut von einer reichlich besiedelten Ruderalflur aus ins benachbarte Wirtschaftsgrünland eindringt. Hier, so Schmidt ,„kann man sich leicht vorstellen, dass die Landwirte Alarm schlagen.“
Die Wahrnehmung von Botanikern und Vertretern landwirtschaftlicher Institutionen scheint bezüglich der Greiskraut-Bestandsentwicklung ziemlich unterschiedlich zu sein. Laut Steffen Caspari gibt es beispielsweise im Saarland keine signifikante Zunahme, während ein Vertreter der Landwirtschaftskammer des Saarlands im Internet-Angebot der Saarbrücker Verlags Service GmbH (sol.de) mit den Worten zitiert wird: „Die Verbreitung nimmt eine katastrophale Entwicklung an.“
Das Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum Eifel berichtet auf seiner Homepage von einer „deutlich zunehmenden Ausbreitung“ des Jakobs-Greiskrauts während der vergangenen zwei bis drei Jahre. Schäden in der Landwirtschaft seien bekannt geworden, so teilte man auf Anfrage mit. Bei Bitburg etwa habe ein Rinderhalter den Aufwuchs seiner Wiese wegen zu hohen Greiskraut-Anteils entsorgen müssen, statt ihn zu verfüttern. Gerade aus der Eifel und dem westlichen Hunsrück liegen uns besonders umfassende Informationen zur Bestandssituation des Jakobs-Greiskrauts vor, die uns von Prof. Barbara Ruthsatz übermitteltwurden (das Raukenblättrige Greiskraut spielt dort keinewesentliche Rolle).
Ebenfalls aus dem nördlichen Rheinland-Pfalz berichtet Silke Dehe von Beobachtungen auf der Gemarkung Hunzel (Rhein-Lahn-Kreis). Danach breitet sich das Jakobs-Greiskraut, das bei uns tatsächlich zunächst nur an Straßen- und Wegböschungen vorkam, dort vorwiegend auf Brachflächen und im nicht zu alten Grünland auf ehemaligen Äckern (seit bis zu 15 Jahren Grünlandnutzung) aus.Wird oder wurde dieses Grünland durch Pferde beweidet, ist die Ausbreitung intensiver. In altes Dauergrünland wanderte das Jakobs-Greiskraut bislang nicht ein, auch wenn es rundherum ausreichend blühende Exemplare gibt.
Zur Giftigkeit der Greiskräuter Die Wirkstoffe der Greiskräuter sind verschiedene so genannte Pyrrolizidin-Alkaloide. Sie werden von Pflanzen unterschiedlicher Familien, vor allem Asteraceae und Fabaceae, als Fraßschutz gebildet. Bislang sind 400 verschiedene Pyrrolizidin-Alkaloide bekannt. Alkaloide sind stickstoffhaltige, basische Verbindungen, die den Pflanzen als Fraßschutz und als Stickstoff-Reserve dienen. Zu ihnen zählen einige prominente Pflanzengifte wie Nikotin, Kokain, Morphin, das Strychnin aus der südostasiatischen Brechnuss und das Tollkirschen-Gift Atropin. Die Pyrrolizidin-Alkaloide sind an sich kaum giftig, wohl aber ihre in der Leber von Mensch und Tier entstehenden Abbauprodukte. Für eine solche Entstehung von Giften im Körper durch Stoffwechselvorgänge gibt es einen Fachausdruck: „Metabolische Toxifizierung.“
Paracelsus ’Weisheit „Die Menge macht das Gift“ trifft bei den Pyrrolizidin-Alkaloiden in besonderer Weise zu. In geringer Menge aufgenommen, können die Entgiftungsmechanismen des Körpers damit problemlos fertig werden, und sie bleiben damit unschädlich. Eine Aufnahme in größerer Menge führt aber zur metabolischen Toxifizierung. Die entstehenden Gifte schädigen die Leber, und dies dauerhaft – sie wird fortan größere Schwierigkeiten damit haben, neuerlich aufgenommene Pyrrolizidin-Alkaloide auszusondern, sodass bereits geringere Mengen zur Toxifizierung ausreichen. Außerdem gelten die aus den Pyrrolizidin-Alkaloiden entstehenden Toxine als krebserregend.
Die Tatsache, dass zahlreiche Grundnahrungsmittel des Menschen, u. a. die Hülsenfrüchte, Pyrrolizidin-Alkaloide in geringen Mengen enthalten, zeigt, dass der Mensch und sein Stoffwechsel gelernt haben, damit
Drohen dem Menschen Gefahren durch Greiskräuter?
Die von Presse, Funk, Fernsehen und erst recht im Internet verbreitete Entwarnung, der abscheulich bittere Geschmack des Gewöhnlichen Greiskrauts halte automatisch von der Aufnahme zu großer Mengen ab, ist indessenmit Skepsis zubetrachten. Es mag ja sein, dass das Greiskraut wie manch andere Pflanze auch im Jahresverlauf seinen Geschmack verändert. Aber zumindest im September haben ausgiebige Selbstversuche gezeigt: Geschmacklich wäre gegen das Gewöhnliche Greiskraut nichts einzuwenden; mit seiner feinherben Frische hätte es das Zeug zur Salatpflanze.
Das Risiko für Pferde…
Diese Möglichkeit ist indessen wegen der Meidung von Greiskraut durch die Weidetiere fast genauso theoretisch wie die der akuten Vergiftung. Wollte ein Pferdehalter seine Tiere noch auf derWeide lassen, wenn sie schon angefangen haben, größere Greiskraut-Pflanzen zu fressen, so wären sie längst verhungert, ehe die Alkaloide ihnen zusetzen könnten. Das Jakobs-Greiskraut hat einen ziemlich bitteren Geschmack, während das Raukenblättrige Greiskraut eher das Aroma von Moder vermittelt.
Ganz ungefährlich ist das Greiskraut dennoch nicht. Dafür gibt es zwei Gründe – die Jungpflanzen und das Heu.
Die Jungpflanzen enthalten ebenso wie die blühenden Exemplare Pyrrolizidin-Alkaloide, aber sie werden von Weidetieren nicht gemieden. Und auch wenn ihre Masse pro Exemplar bescheiden bleibt, so könnte es doch sein, dass von ihnen bei reichlicherem Auftreten – das dem Tierhalter wahrscheinlich nicht einmal auffällt – ein paar hundert Grammpro Tag gefressen werden.
Jedoch: Aus Deutschland gibt es bislang nur sehr wenige Vergiftungsfälle, in Bayern beispielsweise 2008 ein Pferd und zwei Rinder. Und die Einzelfälle sind auch noch mit einem Fragezeichen zu versehen. Denn wenn ein Pferd durch eine Vergiftung verendet, muss das nicht die Schuld des Greiskrauts sein. Es kommen auch andere Ursachen in Frage, etwa Pilze im Heu. Auch sollte man vor lauter Sorge wegen der Greiskräuter andere Gewächse nicht völlig aus dem Blick verlieren, die im Heu Schadwirkungen verursachen können, etwa das Johanniskraut. Aus Rheinland-Pfalz liegen bislang keine Hinweise auf Greiskraut-Vergiftungen vor.
…und für Rinder
Andererseits gibt es Hinweise darauf, dass sie auf der Weide Greiskraut eher fressen als Pferde. Auf der Website der Universität Zürich wird u.a. von einigen Fütterungsversuchen mit Jakobs-Greiskraut an Rindern berichtet: •12 durchschnittlich 180 Kilogramm schwere Kälber wurden drei Tage lang mit 0,62 Gramm getrocknetem Jakobs-Greiskraut pro Kilogramm Körpergewicht gefüttert (ca. 110 Gramm pro Tag), danach 17 Tage lang mit 1,25 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht (ca. 225 Gramm pro Tag). Die Tiere starben zwischen dem 25. und dem182. Tag. •4 durchschnittlich 140 Kilogramm schwere Kälber wurden 28 Tage lang mit 0,75 Gramm getrocknetem Jakobs-Greiskraut pro Kilogramm Körpergewicht gefüttert (ca. ca. 105 Gramm pro Tag). Sie starben nach ca. •4 ebenfalls durchschnittlich 140 Kilogramm schwere Kälber erhielten ebenfalls über 28 Tage die doppelte Dosis Jakobs-Greiskraut (1,5 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht) und starben nach ca. 40 Tagen.
Alle Kälber, an denen diese Fütterungsversuche vorgenommen worden waren, wiesen eine Leberzirrhose auf.
Heu wiegt etwa ein Siebtel der ursprünglichen Frischmasse. Die täglichen Greiskraut-Mengen im Heu, die bei den Kälbern nach längstens einem halben Jahr zu tödlichen Vergiftungen führten, entsprechen ungefähr zehn durchschnittlichen blühenden Pflanzen. Für langsamer verlaufende, aber ebenso tödliche Vergiftungen wären geringere Tagesdosen ausreichend.
Ziegen und Schafe gelten übrigens als vergleichsweise unempfindlich gegen die Alkaloide; ihnen droht keine wesentliche Gefahr.
Können Greiskräuter ein Naturschutzproblem werden?
Andererseits: Wenn alle Landwirte, die ein vereinzeltes Greiskraut auf ihren Wiesen und Weiden finden, den Empfehlungen von Landwirtschaftsbehörden und –kammern folgten, dann liefe dies den Naturschutzzielen vehement zuwider. Denn in „ordentlich gepflegtem“ Grünland bleibe das Greiskraut unter jeglichen Schadensschwellen. Es müsse nur hinreichend gedüngt, früh gemäht, außerdem geschleppt, gewalzt und im Falle von Narbenschäden etwa nach Dürre alsbald nachgesät werden, und das Giftkraut habe keine Chance.
Das alles ist richtig – und es bedeutet: Ein Greiskraut-Problem in der Wiese kann vor allem bekommen haben, wer nicht düngt und spät mäht, mithin also extensiv und naturschutzkonform wirtschaftet.
Soll eine Brache wieder oder erstmals als Mähwiese genutzt werden, so besteht die Möglichkeit, dass sich hier stattliche Greiskraut-Bestände gebildet haben. Da hilft nur, einige Jahre lang mindestens zweimal jährlich zumähenmit erstem Schnitt spätestens Anfang Juni und gegebenenfalls eine Nachsaat vorzunehmen.
Bei der Beweidung gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, sie im Einklang mit Naturschutzzielen zu betreiben. So kann es sinnvoll sein, eine Fläche vollständig abweiden zu lassen, damit keine Selektion der Pflanzen erfolgt. In solcher Intensitätmuss etwa beweidet werden, wenn Gehölze unterdrückt oder zurückgedrängt werden sollen. Dann lassen sich kleine Kahlstellen am Boden nicht vermeiden - was kein Schaden ist, denn sie erhöhen das Strukturangebot für Tiere und oft auch die botanische Artenvielfalt, indem sich zusätzliche Arten ansiedeln können. Diese Chance können Greiskräuter mit ihren vom Wind verbreiteten Früchten besonders effizient nutzen. Ein zunehmender Greiskraut-Anteil in Flächen, die durch Beweidung gepflegt werden, kann selbstverständlich nicht in unserem Sinne sein. In Einzelfällenmag es erwägenswert sein, Ausbreitungszentren in der Nähe vor der Fruchtreife zu mähen, um Sameneinträge zu verhindern.
Fazit Die insbesondere aus Norddeutschland gemeldete, explosionsartige Ausbreitung von Jakobs-Greiskraut und Raukenblättrigem Greiskraut findet in Rheinland-Pfalz nicht statt. Lokal gibt es Bestandszunahmen, die in Einzelfällen die naturschutzkonforme Nutzung von Wiesen und Weiden behindern können. Eine Beobachtung der Greiskraut-Bestandsentwicklung erscheint zweckmäßig, gegebenenfalls können auch punktuelle Maßnahmen gegen Greiskräuter angebracht sein. Eine Gesundheitsgefahr durch versehentliche Kontamination von Rucola mit einzelnen Stängeln von Greiskraut besteht nicht.
Dank
|