Zur Entstehung des Pennsylvaniadeutschen (1683-1815)

Zur Entstehung des Pennsylvaniadeutschen (1683-1815)

Zur Entstehung des Pennsylvaniadeutschen (1683-1815)

1683

deutsche Siedlergruppe gründet „Germantown“

1683-1775 starke Einwanderungswellen, vor allem aus den links- wie rechtsrheinischen pfälzischen Gebieten „Palatines“ als Leitbegriff der Amerika-Auswanderung im 18. Jahrhundert
1776 rund 110.000 deutsche Siedler leben in PA (Gesamtbevölkerung: 225.000)
1776-1783 im Unabhängigkeitskrieg werden aus Pfälzern Amerikaner
bis 1815 faktisch keine Nordamerika-Auswanderung mehr; Auswanderer wenden sich Gebieten in Osteuropa zu.

 

In dieser Zeit zwischen 1783 und 1815 verschmelzen die Heimatdialekte der deutschstämmigen „Neuamerikanern“ - Pfälzern, aber auch Hessen, Württembergern, Schweizern, Elsässern und anderen - zu einer Varietät: dem „Pennsylvaniadeutschen“.

 

Merkmale des Pennsylvaniadeutschen (PD)

Allgemein: stark vereinfacht gesagt, sind rund 90 % der sprachlichen Elemente und Strukturen pfälzisch  Phonetik/Phonologie: eher vorderpfälzisch (Lexik: eher westpfälzisch)

 ca. 8 % englische Elemente/Strukturen

 ca. 2 % alemannische Elemente/Strukturen

 

Phonetik/ Folgt /r/ auf /o/, /i/ oder /e/, erscheint dieser
Phonologie: im PD als /a/:

   „Hasch“  statt  „Hirsch“
 „Watt“  statt „Wort“
„Hah“ statt „Herr“

 zahlreiche Sprossvokale:

 „Millich“ (Milch)
 „Karich“ (Kirche)

 insgesamt: PD ist im Vergleich zum Pfälzischen phonetisch gesehen eine relativ einheitliche Varietät.

 

Morphologie: hier sind die Gemeinsamkeiten mit dem Pfälzischen am deutlichsten; alle pfälzischen Wortbildungsmuster sind weitgehend erhalten auffällig: Verbbildung mit englischen Wortstämmen, z.B. dumb „tschumb-e“ (to jump)

 

Lexik/ Lehnübersetzungen:
Semantik:  „guudguckich“  statt  „good-looking“

 Lehnübertragungen::
 „alliebber“  statt  „everybody“

 Lehnbedeutungen:
  „gleiche“   (in der Bedeutung „to like“)

 englische Lehnwörter:
 „blendi“  für   „plenty“

 Hybride:
 „Bisniss-Leit“ statt  „business people“

 Eigenbildungen:
  „Guckbax“  für  „TV“

 alte (meist vergessene) pfälzische Lexeme
  „letz“   für  „schlecht“
 „’s hot nix gebatt“  für  „nichts genutzt“
 „ebber“  für  „jemand“

 

Syntax: englische Satzbildungsmuster werden übernommen:

 „ich besser geh heem“   (I better go home)
 „was Zeit iss es?“  (what time is it?)
 „wie bischt?“   (how are you?)
 „sell iss uff zu dir“  (it’s up to you)

 

Zusammenfassung: Unterschiede zwischen PD und Pfälzisch

1. PD weist englische Strukturen und Elemente auf, das Pfälzische nicht.

2. PD weist Elemente und Strukturen aus nicht-pfälzischen deutschen Dialekten auf.

3. PD weist eine im Vergleich zum Pfälzischen große Synonymarmut auf.

4. PD hat sich seit seinem Entstehen linguistisch eigenständig weiterentwickelt, so dass die Unterschiede zum Pfälzischen immer größer werden.

 

Die Entwicklung des Pennsylvaniadeutschen (1815-2001)

Zwei gegenläufige Tendenzen:

1. Makrosoziologischer Aspekt:  Assimilierungsdruck
2. Psychologischer Aspekt*:  Folklorisierungsimpuls

(* bei Lutheranern/Reformierten)

 

Assimilierungsdruck

1834 Gebrauch des Deutschen als Unterrichtssprache erstmals per Gesetz eingeschränkt
ca. 1880 Standardddeutsch als Unterrichtssprache aus den Schulen verschwunden
ca. 1917 deutschsprachiges Pressewesen nach Kriegseintritt der USA weitgehend verschwunden
ab ca. 1920 Verbreitung des Automobils vergrößert den Kommunikationsradius (und mehrt den Kontakt zu Englischsprachigen)
ab ca. 1930 das (englischsprachige) Radio hält verstärkt Einzug in die penna.-deutschen Haushalte
ca. 1940 die letzten lutherischen und reformierten Gemeinden wechseln die Gottesdienstsprache (von deutsch zu englisch)
ab ca. 1950 das (englischsprachige) Fernsehen hält Einzug in die penna.-deutschen Haushalte

          

Der Gegentrend: Folklorisierungsimpuls

um 1835 ein erstes PD-Gedicht wird geschrieben (aber erst 1849 publiziert) = Anfang einer PD-Literatur
ab ca. 1850 erste PD-Kolumnen erscheinen in Zeitungen
1868 ein erstes literarisches Werk erscheint als Buch
ab ca. 1875 PD-Wortlisten und PD-Wörterbücher werden publiziert
1891 Gründung der Pennsylvania German Society (PGS)
ab ca. 1935 Gründung weiterer Vereinigungen mit dem Ziel, den mündlichen Sprachgebrauch zu fördern: Grundsau Lodges, Mannsleit- un Weibsleit-Versammlinge, deitsche Kariche-Picnics
1936 Gründung der Pennsylvania German Folklore Society (PGFS)
ab ca. 1950 Einführung von periodischen Dialektgottes-diensten bei Lutheranern und Reformierten
 (Amische und Mennoniten hatten an einer Art dialektal gefärbtem, veralteten Hochdeutsch als Gottesdienstsprache ohnehin immer festgehalten)
1938/39 Wissenschaftler entwickeln mit dem „Buffington-Barba-System“ eine PD-Schreibkonvention
1942 ein erstes PD-Lehrbuch erscheint (Frey)
ab ca. 1950 PD-Radiosendungen werden gesendet
1954 eine umfassende PD-Grammatik erscheint (Buffington/Barba)
1968 Fusion der PGS und der PGFS zu „The Pennsylvania German Society“
ab ca. 1970  PD-Fernsehsendungen werden gesendet (meist über lokale bzw. regionale Sender)
ab ca. 1995 immer mehr Pennsylvaniadeutsche nutzten das Internet und die neue Möglichkeit des E-Mail-Verkehrs, um in PD zu kommunizieren
1997 Gründung der pennsylvaniadeutschen Zeitung „Hiwwe wie Driwwe“
2000

- mehr als 100 PD-Bücher sind seit dem 19. Jahrhundert entstanden

- es existiert eine umfangreiche PD-Literatur (Lyrik, Prosa, Theaterstücke), die von mehreren hundert Autoren seit 1835 erstellt wurde

- noch immer gibt es Rundfunk- und Fernsehsendungen in PD

- ca. 20.000 Menschen besuchen jährlich die zahlreichen PD-Veranstaltungen

- insgesamt gibt es ca. 300.000 Sprecher (davon ca. 100.000 aktive Sprecher, für die PD Alltagssprache ist)

                                                                                                                                        

Das 21. Jahrhundert: En Friehyaahr fer die Mudderschprooch?

2003            Gründung des Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreises e.V.

 

Perspektive quantitativ:

Bei Lutheranern und Reformierten wird das PD in einer Generation verschwunden sein. Aus der Muttersprache wird – bestenfalls - eine Zweitsprache, die im Erwachsenenalter gelernt wird. Bei Amischen und Mennoniten wird die Zahl der PD-Sprecher eher zunehmen als abnehmen.

 

qualitativ:

Das PD der Lutheraner und Reformierten ist vergleichsweise wenig vom Englischen beeinflusst, weil in vielen Fällen eher ein Codeswitch erfolgt als eine Entlehnung englischer Elemente und Strukturen ins PD.

Das PD der Amischen und Mennoniten wird in immer stärker vom Englischen beeinflusst, weil die Erwartungshaltung der Kommunikations-partner im häuslichen Umfeld die Entlehnung englischer Elemente und Strukturen ins PD fördert.

 

Folge:

Es entstehen zunehmend zwei Formen des PD:
 1. Plain Pennsylvania German (PPG)
 2. Non-Plain Pennsylvania German (NPPG)

 

Auch im Jahr 2100 wird damit manch ein Amerikaner nach einem alten Gedicht sagen können:

 „Der Uncle Sam finnt uns gedrei, mir duhne unser Flicht.“